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María José Punte

Das Gesicht der Philosophie in den Zeiten der Globalisierung

Zu Raúl Fornet-Betancourt: Transformación intercultural de la filosofía.
Ejercicios teóricos y prácticos de filosofía intercultural desde Latinoamérica en el contexto de la globalización

Kontextuelles Philosophieren

Raúl Fornet-Betancourt:
Transformación intercultural de la filosofía.
Ejercicios teóricos y prácticos de filosofía intercultural desde Latinoamérica en el contexto de la globalización
.
Bilbao: Desclée de Brouwer, 2001.
(Palimpsesto Derechos Humanos y Desarrollo 11) 427 Seiten
ISBN 84-330-1567-2
book cover
Editorial Desclée de Brouwer:
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1 Raúl Fornet-Betancourt versucht in diesem Band die Synthese und Rekapitulation einiger Ideen, mit denen er sich seit geraumer Zeit beschäftigt. 1 Der Suche nach einer exakten Terminologie widmet sich vor allem der erste von zwei Teilen des Buches. Hier wird ein konkreter Vorschlag für eine interkulturelle Transformation der Philosophie gemacht. In der Wahl einer transparenten Sprache drückt sich das Bestreben aus, Ideen in einer Form zu vermitteln, die es ermöglicht, in der heutigen Welt Fortschritte zu erzielen. Die Beharrlichkeit dieses Bestrebens lässt den Text manchmal repetitiv erscheinen – als ob Fornet-Betancourt keine Zweifel darüber aufkommen lassen wollte, welche Konsequenzen sich aus seinen Argumenten für das Zusammenleben der Völker ergeben sollen.
2 Der erste Teil der Publikation sieht sich als Versuch (ensayo), unter Berücksichtigung der Bedürfnisse verschiedener Kulturen zu philosophieren. Fornet-Betancourt beschränkt sich dabei auf den lateinamerikanischen Kontext. Er geht davon aus, dass über die eigene Zeit nachzudenken ein Engagement in der alltäglichen Praxis bedeutet. Der Text ist auch insofern »Versuch«, als er heuristische Vorschläge bringt, die offen für die Diskussion sind und einen aktiven Leser erfordern, der bereit ist, sich intensiv mit dem Text auseinander zu setzen. Zunächst werden drei große Themen behandelt: die hermeneutischen und epistemologischen Vorbedingungen des interkulturellen Dialogs, eine kritische Revision des iberoamerikanischen Denkens und schließlich die Interdisziplinarität als elementares Kennzeichen dieses Projektes.

Vorbedingungen des interkulturellen Dialogs

3 Hinsichtlich des zuerst genannten Themas unterstreicht der Autor die Notwendigkeit einer radikalen Transformation der Philosophie. Er verweist zwar auf Vorarbeiten in verschiedenen Strömungen wie dem Marxismus, der Theorie des kommunikativen Handelns und der Philosophie der Befreiung, betont aber zugleich, dass »das wachsende Selbstbewusstsein und die zunehmende Selbstwertschätzung der aus dem historischen Prozess bisher ausgeschlossenen Stimmen« (28) noch nicht genug berücksichtigt wurde. Die interkulturelle Philosophie habe sich vorgenommen über die komparative Philosophie hinauszugehen, denn sie verstehe sich als ein offener und polyphoner Prozess, der eine eigenständige Art der Reflexion entwickeln wolle.
4 Interkulturelle Philosophie möchte daher mit mehr als einem theoretisch-konzeptuellen Modell arbeiten. Dies könne gelingen, wenn verschiedene sich selbst legitimierende Rationalitäten anerkannt würden. Die Verbindung und die Kommunikation zwischen diesen Rationalitäten seien wesentliche Momente einer Denkweise, die nicht versuche, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Den Ausgangspunkt bilde zwar immer die eigene kulturelle Tradition, sie wird jedoch nicht als absolute Festlegung verstanden, sondern als »Weg und Brücke« zur Kommunikation mit den anderen. So wird ein neues Modell der Universalität geschaffen, das nicht auf dem Prinzip der Einheit in der Vielfalt, sondern auf der interdiskursiven Partizipation verschiedener gleichwertiger Stimmen basiere. Diese Überlegung bleibe notwendig, solange die Philosophie noch immer in einer historisch begrenzten und partiellen Art und Weise (miss)verstanden werde, nämlich ausgehend vom Paradigma der Philosophie in Europa. Demgegenüber sieht sich Fornet-Betancourt aufgefordert, die klassischen Vorurteile der philosophischen Tätigkeit zu dekonstruieren.
5 Eine der sich daraus ergebenden Aufgaben ist die Neubestimmung der Theorie des Verstehens. Es gelte eine Form von Rationalität zu skizzieren, die es erlaube, die Welt und deren Geschichte aus der Perspektive der peripheren Exteriorität des Anderen zu betrachten. Die Begegnung mit dem Anderen, die Fornet-Betancourt als »Interpellation« bezeichnet, müsse gesucht werden. Bei der Überprüfung unserer Art zu denken entdecken wir einen Horizont, der über unsere eigene Art des Verständnisses hinausgeht. Hier ist der Beginn einer gegenseitigen Transformation möglich.

Interkulturelle Denktraditionen Lateinamerikas

»Y filosofía intercultural, como filosofía en trans-figuración, es filosofía que no abstrae de sus condicionamientos culturales queriendo ser transcultural, sino que se constituye como filosofía desde ese tránsito continuo por las distantes figuras; y que, por eso mismo, se va sabiendo como filosofía en transición, en proceso de cambio y mudanza.«

Raúl Fornet-Betancourt
(109)
6 Fornet-Betancourt deutet einige hermeneutische und epistemologische Voraussetzungen dieser Transformation an, indem er auf die Denktradition Lateinamerikas zurückgreift, die sich aus interkulturellen Umständen entwickelte. Vorrangig sei es, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass die Völker mit ihrer eigenen Stimme sprechen können. Als ein aus Amerika kommender Beitrag in diese Richtung könne das Werk von José Martí genannt werden, der durch das Infragestellen des eurozentristischen Denkens Pionierarbeit leistete. Als eine weitere Voraussetzung für die angestrebte Transformation des Philosophierens erachtet Fornet-Betancourt die Begründung einer Dynamik der universalen Totalisierung des Anderen, die auf der Anerkennung basiere. Es ist dies das Konzept der »Convivencia«, einer höheren Form der Harmonie, nämlich der Solidarität.
7 Diese Idee (siehe Emmanuel Levinas oder Enrique Dussel) ist mit der Vorstellung von Totalität als Prozess einer dialektischen Totalisierung verbunden. Im Sinne der beabsichtigten Transformation des Denkens gelte es schließlich auch die Gefahr des Relativismus zu bannen. Hier könne die zubirianische Idee der »Respektivität« helfen: Die Wirklichkeit ist nicht auf totalitäre Weise geordnet, sie wird vielmehr als etwas Bezügliches (respectivo a) hergestellt. Kurz gesagt: Die Kultivierung der Zwischenräume, wie sie Fornet-Betancourt vorschlägt, soll nicht nur einen Raum öffnen, der zur Pluralität tendiert, sie verlangt vielmehr auch die asketische Selbstbegrenzung beim Ausdruck des solidarischen Respekts gegenüber der Alterität des Anderen.

Befreiungstheologie als interdisziplinäres Modell

8 Als Beispiel für eine Form der interkulturellen Arbeit und Interdisziplinarität, die imstande ist die Philosophie zu erneuern, präsentiert Fornet-Betancourt die Befreiungstheologie. Seiner Meinung nach hat diese durch interdisziplinäre Öffnung eine bemerkenswerte methodologische und epistemologische Klarheit erreicht. So hat sie nicht nur ihre eigene Rationalität unter dem Einfluss der Sozialwissenschaften als praktisch reflexives Wissen redefiniert. Vorbildhaft wirkt sie auch durch ihre Offenheit gegenüber der Vielfältigkeit der religiösen Subjekte. Diese bringt sie dazu, ihre eigene Position als zentrales Subjekt zu hinterfragen.

Vor der Herausforderung der Globalisierung

Die Mehrzahl der Aufsätze des zweiten Teils sind in der Edition Interculturalidad y globalización. Ejercicios de crítica filosófica intercultural en el contexto de la globalización neoliberal (Frankfurt/M.: IKO, 2000) enthalten.

Siehe hierzu die Rezension von:
Diana de Vallescar Palanca:
Transformación intercultural de la filosofía.
In: polylog 2 (2000):
internal linkRezension
9 Im zweiten Teil des Buches finden sich Eröffnungsreden und Beiträge Fornet-Betancourts anlässlich verschiedener Kongresse zu interkultureller Philosophie. Das zentrale Problem, das sich für die Aufgabe einer interkulturellen Transformation der Philosophie stellt, hat heute einen konkreten Namen: Globalisierung. Dieses Phänomen macht sich, wenn auch mitunter in unscharfer Weise, im Kontext aller Kulturen bemerkbar. Keine philosophische Reflexion, die sich selbst als Aufforderung zur Veränderung der gegenwärtigen Welt versteht, kann die Auseinandersetzung mit dieser Tatsache vermeiden.
10 Fornet-Betancourt ist in Bezug auf die weitere Entwicklung wenig optimistisch. Die Globalisierung erscheint ihm als totalitäre Ideologie, die versucht ein einziges, homogenisierendes Projekt durchzusetzen. Ihre Parameter werden nur aus der kulturellen Perspektive des Westens, genauer gesagt durch die Politik und wirtschaftlichen Strategien der herrschenden Gruppen, festgelegt. Das vielleicht schwerwiegendste Manko ist aus Sicht aller anderen Kulturen der Entzug des Grundrechts, die Art der Beherrschung ihrer Zeit und ihres Raums selbst zu bestimmen. Der Autor dagegen vertritt ein engagiertes Philosophieren, das zum Überdenken der Beziehungen zwischen den Kulturen einlädt. Angesichts der Herausforderungen, die sich uns stellen, insbesondere durch Armut und ökologische Probleme, aber auch aufgrund von interethnischer Gewalt und politischen Konflikten, erscheint es unabdingbar, die Abschottung der akademischen Philosophie zu durchbrechen.
polylog. Forum für interkulturelle Philosophie 4 (2003).
Online: http://lit.polylog.org/4/rpm-de.htm
ISSN 1616-2943
Quelle: external linkpolylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 8 (2001), 94-95.
Autorin: María José Punte, Wien (Österreich)
© 2003 Autorin & polylog e.V.

Anmerkungen

1
Vgl. zum ersten Teil des Bandes Raúl Fornet-Betancourt (1994): Filosofía intercultural. México: Universidad Pontificia de México (Subsidios Didácticos 3), und zum zweiten Teil Raúl Fornet-Betancourt (2000): Interculturalidad y globalización. Ejercicios de crítica filosófica intercultural en el contexto de la globalización neoliberal. Frankfurt/M.: IKO – San José, Costa Rica: DEI (Denktraditionen im Dialog: Studien zur Befreiung und Interkulturalität 8). go back
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