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Nausikaa Schirilla

Die islamische Krankheit des Fundamentalismus

Zu Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam

Hintergründe für den gewaltsamen politischen Islam

Abdelwahab Meddeb:
Die Krankheit des Islam.
Aus dem Französischen übersetzt von Beate Thill und Hans Thill.
Heidelberg: Wunderhorn, 2002.
252 Seiten
ISBN 3-88423-201-0
book cover
Verlag Das Wunderhorn:
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Original:

Abdelwahab Meddeb:
La Maladie de l'islam.
Paris: Seuil, 2002.
222 Seiten
ISBN 2-02-078847-0
book cover
Éditions du Seuil:
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1 Der tunesische Literat Abdelwahab Meddeb präsentiert hier einen Parcours durch die islamische Geistesgeschichte und das Verhältnis von Islam und Westen, der höchst informativ, aber zugleich sehr verwirrend ist. Vorab gesagt: Das Buch ist irritierend, weil nicht klar ist, was seine Intention ist bzw. an wen es gerichtet ist, und weil es die Intentionen, die es vorgibt, nicht einhält. Aber dennoch bzw. gerade darin ist es höchst interessant.
2 Meddeb möchte die Hintergründe des zeitgenössischen gewaltsamen politischen Islam darstellen und unternimmt daher einen Streifzug durch die Geschichte des Denkens der arabisch-islamischen Zivilisation. Er definiert diese jedoch nicht und spricht immer nur vom »Islam« – unanhängig davon, ob es sich beispielsweise um arabische Liebeslyrik, islamische Theologie oder um Philosophie im Territorium des Islam handelt. Diesem breit verstandenen und nirgends ausdifferenzierten Islam unterstellt er eine Krankheit, die Krankheit des Fundamentalismus, – und das ist die Krankheit dieses Buches. Es werden zwar viele Nuancen dessen, was Islam beinhalten könnte, dargestellt, aber immer vereinheitlichend von »dem Islam« oder »dem islamischen Subjekt« gesprochen. Die Bezeichnungspraxis selbst ist nicht Gegenstand.

Islamisch-fundamentalistisches Denken in Geschichte und Gegenwart

3 Das Buch ist in vier Teile gegliedert; dies bedeutet jedoch keine historische Gliederung: Immer wieder nimmt Meddeb unter verschiedenen Aspekten Fäden der islamisch geprägten Geistesgeschichte auf und stellt Bezüge zur Gegenwart her. Im ersten Teil leistet er dies unter dem Aspekt Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet, dann als Genealogie des Fundamentalismus. In den beiden letzten Teilen steht das Verhältnis zum Westen im Mittelpunkt, einmal aus der Perspektive der Fundamentalisten: Fundamentalismus kontra Okzident. Hier geht es um einen von Meddeb sehr kritisch dargestellten Fremdenhass im fundamentalistischen Denken und zugleich um die von ihm herausgearbeitete Nähe zum Westen als Technologie und Lebensweise. Den letzten Teil Der Ausschluss des Islam durch den Westen widmet Meddeb der mangelnden Anerkennungspraxis im Verhältnis von Westen und Islam.
4 Als Krankheit des Islam diagnostiziert Meddeb den Fundamentalismus, den er theoretisch sehr ausführlich, allerdings nicht vollständig, beschreibt. Meddeb verfolgt islamisch-fundamentalistisches Denken bis zu seinen geistesgeschichtlichen Grundlagen im 14. Jahrhundert (Ibn Taimiyya) zurück und führt über die wahhabitische Erneuerungsbewegung, die als Grundlage für das heutige Saudi-Arabien gilt, und zeitgenössische Denker wie beispielsweise Sayyid Qutb in die Gegenwart. So schildert er als sein Anliegen, »das anthropologische Umfeld [zu] beschreiben, in das die Terroristen hineingeboren wurden« (17). Er schildert nun aber vor allem geistesgeschichtliche Auseinandersetzungen und macht kulturtheoretische Beobachtungen, bezieht sich nie auf konkrete Intentionen oder soziologische bzw. sozialpsychologische Untersuchungen über die islamistischen Bewegungen und Gruppen. Damit wird er dem soeben geschilderten Anliegen gar nicht gerecht, bringt aber eine Fülle interessanter Denktraditionen.
5 Als Ursache für die diagnostizierte Krankheit, nicht aber als Auslöser, wie er immer wieder betont, spielt auch die Rezeption des Islam durch den Westen und die europäische Kolonialpolitik eine Rolle. Letztere bezeichnet er als äußere Gründe für die Krankheit, »die im Körper des Islam wütet« (12).

Freiheitliches Denken in den Fängen des Dogmatismus

Einem breit verstandenen und nirgends ausdifferenzierten Islam unterstellt Meddeb eine Krankheit, die Krankheit des Fundamentalismus, – und das ist die Krankheit dieses Buches. 6 Meddeb zielt damit auf eine innerislamische theoretische Auseinandersetzung, er zeichnet einen rationalistischen, freiheitlichen, aufklärerischen Strang der arabisch-islamischen Literatur, Philosophie und Theologie nach, und zeigt immer wieder, wie diese von einem dogmatischen, auf den Buchstaben des heiligen Buches fixierten Denken konterkariert wurde. So macht er die Leser mit der rationalistischen mu'tazilitischen Theologie des 8. und 9. Jahrhunderts, mit der Liebeslyrik eines Abu Nawwas, mit dem Mystiker Ibn Arabi und mit vielen anderen Denkern bekannt. Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen, insbesondere nordafrikanischen Denkern sieht Meddeb das Ende dieses freiheitlichen Strangs nicht im Tode von Ibn Rushd (Averroes), sondern verweist auf die Lebendigkeit kreativen rationalistischen Denkens beispielsweise in der persischen Philosophie.
7 Immer wieder aber stellt er die Frage nach dem »Warum« – warum wurde die mu'tazilitische Theologie zur Minderheit, warum siegte ein Ibn Hanbal, warum wurde die freiheitliche Mystik eines Ibn Arabi nicht Allgemeingut in der islamischen Zivilisation? Immer wieder stößt Meddeb an Grenzen der Erklärung, immer wieder spricht eine Ratlosigkeit über den Gang der Entwicklung aus seinen Analysen.
8 So stellt Die Krankheit des Islam das Dokument eines unabgeschlossenen Klärungsprozesses eines freiheitlich denkenden arabischen Intellektuellen dar, der sich mit einem Strang seines gedanklichen Werdegangs zu versöhnen versucht und zugleich fragt, warum das, was ihm in dieser Tradition lieb und teuer ist, nicht zum Allgemeingut der gesamten Gruppe wurde und warum sich statt dessen ein dogmatisches, menschenverachtendes Denken durchsetzte.
9 Entsprechend scharf ist auch die Ablehnung fundamentalistischen Denkens durch Meddeb. Als wichtige Ursache des Erstarkens dieses politischen Islam bezeichnet er die bereits genannten Denker, aber auch die spezifische politische Situation, also die unheilige Verbindung von Repression und Beförderung des Islam im heutigen Ägypten. Zwar taucht der Ausschluss durch den Anderen immer wieder als mitverursachendes Element auf, aber - dies bleibt bei Meddeb unweigerliche Konsequenz – die »Krankheit des Islam« ist letztlich hausgemacht und nur durch einen inneren Prozess zu heilen. Ob eine derart konfrontative und pauschalisierende Diagnose einen Heilungsprozess auslösen kann, ist allerdings sehr zu bezweifeln.
polylog. Forum für interkulturelle Philosophie 5 (2004).
Online: http://lit.polylog.org/5/rsn-de.htm
ISSN 1616-2943
Quelle: external linkpolylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 10/11 (2004), 199-200.
Autorin: Nausikaa Schirilla, Frankfurt/M. (Deutschland)
© 2004 Autorin & polylog e.V.
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