polylog
literatur · kurzbesprechungen
themen literatur agenda archiv anthologie kalender links profil

Ching-I Tu (ed.)

Classics and Interpretations

The Hermeneutic Traditions in Chinese Culture

Ching-I Tu (ed.):
Classics and Interpretations.
The Hermeneutic Traditions in Chinese Culture
.
New Brunswick – London:
Transaction,
2000.
468 Seiten
ISBN 1-56000-431-2
book cover
Transaction Publishers:
external linkWebsite
»My point is that the matter of questioning textual consistency should be incorporated as a basic requirement in the whole onto-hermeneutical project, while the ontological criterion should be applied in order to assess the systematic value of any proposed system of interpretation.«

Chung-ying Cheng
(29)

Da die chinesische Welt sich auf eine fünftausendjährige kulturelle Kontinuität beruft, wobei gewiss von einer gut 2500 Jahre alten geistesgeschichtlichen Einheit gesprochen werden kann, nimmt es nicht Wunder, dass in China dem hermeneutischen Geschäft, der ständig erneuerten Auslegung und Bestimmung der eigenen Traditionen, größere Bedeutung zukommt als im europäischen Raum. Gerade auf dem Gebiet des Denkens fällt die geringe Menge von eigenständigen Traktaten auf, der reiche Kommentartraditionen gegenüberstehen. Die geistesgeschichtliche Entwicklung fand zumeist im Gewand einer interlinearen Exegese »kanonisierter Schriften« statt, wobei der Kanon im Laufe der Zeit einem nicht unerheblichen Wandel unterworfen war und die geschichtsbewusste Interpretation stark zur Konstitution von Texten beitrug. Somit stellt sich die chinesische Kultur heute als eine immerzu fortgewebte Textur dar, deren komplexe synchrone und diachrone Intertextualitäten die kulturelle Einheit garantieren (konstruieren), zugleich aber in ihrer schieren Unermesslichkeit Glanz und Elend des chinesischen Gebildeten wie des westlichen Forschers ausmachen. »China« besteht weniger aus einer Abfolge von historischen Gestalten als vielmehr aus einer Kontinuität von Texten und Auslegungen.

Vor diesem Hintergrund bietet der Kongressband mit seinen 21 Beiträgen eine Fülle von Einblicken in Ziele, Vorgehensweisen und Selbstverständnis hermeneutischer Gelehrsamkeit in China bis in die jüngste Vergangenheit. Dass dabei das Schwergewicht auf Analysen einer bis heute vielfach als chinesische Orthodoxie angesehenen »konfuzianischen« Hermeneutik liegt, während nur ein Aufsatz einer hermeneutischen Praxis »daoistischer« Ausrichtung gewidmet ist und die wenig erforschte, jedoch hoch stehende und einflussreiche buddhistische Hermeneutik überhaupt nicht dargestellt wird, bedeutet ein gravierendes Manko dieser vor allem an eine sinologische Leserschaft gerichteten Publikation.

Philosophen hermeneutischer Prägung können allerdings Gewinn ziehen aus den detailreichen, philosophisch informierten und teilweise komparatistisch vorgehenden Auseinandersetzungen mit innerchinesischen Phänomenen. Was John Berthrong feststellt, besitzt grundlegende Bedeutung für das Selbstverständnis chinesischer Hermeneutik. Verstehen und Interpretation verschmelzen zu einer kreativen Form der Exegese, deren letzter Sinn nicht im Text gelegen ist, sondern in einer Selbstkultivierung des Exegeten und in der damit einhergehenden Transformation der Welt. Hermeneutik in China muss als eine eigentümliche Pragmatik auf der Grundlage der aneignenden Sinndeutung verstanden werden, nicht als eine Form historischer Erkenntnis. Eine Europa und China polarisierende Tendenz tritt hier ebenso offen zutage wie das Bestreben um eine spezifisch chinesische Fundierung geisteswissenschaftlicher Hermeneutik.

Etliche Autoren arbeiten daher eine Gadamer nahe stehende Position heraus, die sie ebensowohl als methodologische Forderung für die historisch-kritische Erforschung der chinesischen Geistesgeschichte aufzustellen und zugleich als Kennzeichen der hermeneutischen Gelehrsamkeit des alten China selbst aufzuweisen bestrebt sind. So sagt Chung-ying Cheng, gestützt auf die lange hermeneutische Praxis in China: »My point is that the matter of questioning textual consistency should be incorporated as a basic requirement in the whole onto-hermeneutical project, while the ontological criterion should be applied in order to assess the systematic value of any proposed system of interpretation.« (29). Kuang-ming Wu stellt einem »objektiven Typus der Hermeneutik« des Westens einen »subjektiven Typus« chinesischer Ausformung gegenüber. Letztere sei beherrscht von drei Grundfragen, einer »politischen«, einer »apologetischen« und einer »devotionalen«: »First, ›How does this ancient text support the current political ideology?‹ Second, ›How does this textual thought oppose other tradition(s)?‹ Finally, ›How does the textual idea-milieu cultivate my life?‹« (296).

Aufschlussreich ist auch die Erörterung der rationalen Hermeneutik des modernen chinesischen Philosophen Mou Zong-san (1909-1995), die Ming-hui Lee leistet. Wie Mou aus einem »konfuzianischen« Denken heraus eine ethisch orientierte Kritik am Kantianismus vorbrachte, ist bekannt und umstritten. Immerhin liegt hier der seltene Fall einer »Kritik von außen« vor, die sich methodisch das kantische Verständnis von Rationalismus zu eigen gemacht hat. Wie nicht wenige seiner Zeitgenossen betrieb Mou einen europäisch geschulten Komparatismus mit umgekehrter Perspektive, von China aus.

Hermeneutik in China steht einer »philosophischen Hermeneutik« näher als im Abendland. Und diese chinesisch-philosophische hermeneutische Haltung interpretativen Denkens zeichnet sich in besonderem Maße als Methode aus für einen interkulturellen Dialog der Philosophien. So kann die Quintessenz nicht weniger Studien dieses Sammelbandes umrissen werden.

Mathias Obert

polylog. Forum für interkulturelle Philosophie 4 (2003).
Online: http://lit.polylog.org/4/stcom-de.htm
ISSN 1616-2943
Autor: Mathias Obert, Berlin (Deutschland)
© 2003 Autor & polylog e.V.
themen literatur agenda archiv anthologie kalender links profil