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Clifford Geertz

Available Light

Anthropological Reflections on Philosophical Topics

Clifford Geertz:
Available Light:
Anthropological Reflections on Philosophical Topics
.
Princeton – Oxford:
Princeton University Press,
2001.
xvii, 271 Seiten
ISBN 0-691-08956-6
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Princeton University Press:
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»If we wish to be able capaciously to judge, as of course we must, we need to make ourselves able capaciously to see.«

Clifford Geertz
(87)

Der 1926 geborene, seit 2000 emeritierte Princeton-Professor Clifford Geertz ist gegenwärtig einer der einflussreichsten Kulturanthropologen und weit über die Grenzen seines Faches hinaus bekannt. Seine "semiotische" Definition des Kulturbegriffs findet sich in unzähligen Texten nicht nur der Ethnologie bzw. Kulturanthropologie der letzten drei Jahrzehnte, sondern auch der Soziologie, Geschichte und anderer Humanwissenschaften: »Ich meine mit Max Weber, dass der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe. Ihre Untersuchung ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht.« 1

Wie die zahllosen Verweise auf anthropologische Literatur zeigen, richtet sich Available Light in erster Linie an Fachkollegen. Jedoch wird der Band von seinem Autor ausdrücklich am Kreuzungspunkt zweier seiner Auffassung nach gleichermaßen unscharf definierter (und, wie man auch sagen könnte, gleichermaßen beständig von Krisenbewusstsein gekennzeichneter) Wissensbereiche angesiedelt, die sich üblicherweise »mit mehr als nur ein wenig Misstrauen betrachten« (ix), nämlich der empirischen oder ethnologischen Kulturanthropologie und der Philosophie. Das erste autobiographische Kapitel verweist gleich auf eine ganze Reihe von diesbezüglichen Zusammenhängen und Überschneidungen.

Die elf hier versammelten Texte, die – abgesehen von drei früher verfassten "Klassikern" – alle aus den neunziger Jahren stammen, bieten in gewohnt geschliffenen Formulierungen und überbordenden Bezugnahmen auf vor allem englischsprachige Autoren anderer Disziplinen viele anregende Diskussionspunkte für die philosophische Reflexion über kulturelle Phänomene, für die sozialwissenschaftliche Arbeit über fremde Kulturen und für die Erwägung praktischer Implikationen interkultureller Beziehungen.

So geht es im zweiten Kapitel um grundlegende Probleme der so genannten Feldforschung, also der zentralen anthropologischen Forschungsstrategie, in der sich der Untersuchende in die jeweils "andere" Kultur hineinlebt. Im elften Kapitel werden diese durch Überlegungen zum oft vernachlässigten Thema der Emotionen in der Kulturenbegegnung ergänzt. Das dritte Kapitel III beschäftigt sich mit den Fallen sowohl des Kulturrelativismus als auch seiner Kritik, und das vierte Kapitel befasst sich u.a. mit den Folgen des heute immer deutlicher werdenden Auseinanderfallens der sozialen und der kulturellen Grenzen für die wissenschaftliche Erforschung soziokultureller Tatbestände. Die Kapitel VI bis IX kreisen um die Beiträge von Charles Taylor, Thomas Kuhn, William James und Jerome Brunner zu Fragen der Kulturenbegegnung und Kulturenerkenntnis.

Die hierfür so wichtige epistemologische Problematik der Kulturbefangenheit ist das Hauptthema des fünften Kapitels. Sie wird hier vor allem in Bezug auf die hochinteressante, nicht zu Ende gekommene Polemik zwischen dem nordamerikanischen Anthropologen und Spezialisten für Kulturen des Pazifiks Marshall Sahlins und seinem aus Sri Lanka stammenden, jedoch überwiegend in den USA ausgebildeten und lehrenden Kollegen Gananath Obeyesekere dargestellt, die beide den Anspruch erheben, zentrale Aspekte derselben "anderen" Kultur darzustellen, jedoch zu entgegengesetzten Ergebnissen kommen. (Konkret geht es um das Verständnis der Vorgänge, die im Jahre 1779 auf Hawaii zum gewaltsamen Tod von Kapitän Cook führten).

Das Schlusskapitel "The World in Pieces: Culture and Politics at the End of the Century" (bereits 1996 im Wiener Passagen-Verlag in einem Bändchen mit demselben Titel auf Deutsch veröffentlicht) greift nochmals viele der erwähnten Themen auf und stellt sie, wie der Titel erkenntlich macht, in den Rahmen der aktuellen Diskussion über die so genannte Postmoderne.

»Wenn wir fähig sein wollen, umfassend zu urteilen – was natürlich unsere Aufgabe ist –, dann müssen wir uns befähigen, umfassend zu sehen« (87). Zum Angehen dieser Doppelaufgabe, die sowohl für die Philosophie als auch für die Kulturanthropologie notwendig ist, hält der vorliegende Band eine Menge von Ideen und Erwägungen bereit.

Stefan Krotz

Anmerkungen

1
Clifford Geertz (1999): "Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur". In: ders.: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 9. (6. Aufl.) go back
polylog. Forum für interkulturelle Philosophie 4 (2003).
Online: http://www.polylog.org/lit/4/sgcks-de.htm
ISSN 1616-2943
Autor: Stefan Krotz, Mérida (Mexiko)
© 2003 Autor & polylog e.V.
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