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Sabine Schmidtke

Philosophie in Persien

Zu Seyyed Hossein Nasr & Mehdi Aminrazavi (eds.):
An Anthology of Philosophy in Persia

Was ist arabisch-islamische Philosophie?

Seyyed Hossein Nasr / Mehdi Aminrazavi (eds.):
An Anthology of Philosophy in Persia. New York – Oxford: Oxford University Press.

Band 1: 1999.
464 Seiten
ISBN 0-19-512699-8

Band 2: 2001.
416 Seiten
ISBN 0-19-512700-5



Oxford University Press:
external linkWebsite
1 Die wissenschaftliche Erschließung philosophischen Denkens im arabisch-islamischen Raum ist eine verhältnismäßig junge Wissenschaft. Lange galt die arabisch-islamische Philosophie dem europäischen Betrachter lediglich als Station in der Überlieferungskette des antiken hellenistischen Erbes bar jeder eigenen Originalität. Dieses eurozentristische Bild gilt heute als weitgehend unzutreffend. Auch wenn bis heute noch zahlreiche Desiderata zu verzeichnen sind, etwa in der wissenschaftlichen Bearbeitung vieler bis heute oft noch nicht kritisch edierter Textmaterialien, so kann die Forschung in diesem Bereich doch bereits auf ein beeindruckendes Leistungsbild blicken. Einen nahezu vollständigen Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung im Bereich der arabisch-islamischen Philosophie liefert Hans Daiber in seiner umfangreichen Bibliography of Islamic Philosophy. Auch an zusammenfassenden Darstellungen mangelt es heute kaum mehr, so zuletzt etwa der von Seyyed Hossein Nasr und Oliver Leaman herausgegebene Doppelband History of Islamic Philosophy, der Beiträge mehrerer Autoren unterschiedlicher Qualität enthält. 1
2 Was aber ist genau gemeint, wenn die Rede ist von arabisch-islamischer Philosophie? Ist hierunter lediglich Philosophie hellenistischen Erbes (falsafa) im engeren Sinne zu fassen, oder sind darunter auch Dogmatik und Mystik mit einzubeziehen? Hierüber besteht kein Konsens. Die Frage, welche Bereiche unter der Bezeichnung »Philosophie« im arabisch-islamischen Raum subsumiert werden, wurde und wird sowohl innerhalb der muslimischen Tradition als auch seitens der neuzeitlichen Forschung unterschiedlich gehandhabt. Einerseits wird in der muslimischen Literatur des Mittelalters streng getrennt zwischen Philosophie auf der einen Seite und Dogmatik bzw. Mystik auf der anderen. Andererseits aber ist die intellektuelle Entwicklungsgeschichte der nachklassischen Phase, also der Epoche nach Avicenna (gest. 428/1037), besonders im islamischen Osten von einer zunehmenden Synthese aus gnostischer Mystik, Philosophie und Theologie gekennzeichnet. Und auch in der modernen Forschung wird tendenziell eher die extensive Definition von Philosophie verwendet, so auch in dem bereits erwähnten Sammelband von Nasr und Leaman.
3 Weitere Fragen stellen sich: Spricht man von »islamischer« Philosophie, schließt man zum Beispiel Philosophen jüdischen Glaubens aus, die arabisch schrieben und eminente Bedeutung für die Entwicklung der Philosophie im islamischen Raum hatten – so der Fall bei Abû l-Barakât al-Baghdâdî (gest. nach 1164-65) oder Ibn Kammûna (gest. 1284-85), um nur zwei zu nennen. Außerdem postuliert der Begriff »islamische Philosophie« eine inhärente Verbindung von Philosophie zu den inneren Aporien des islamischen Glaubens, der die Verbindung zum hellenistischen Erbe in den Hintergrund treten lässt. Auf der anderen Seite stößt aber auch die Bezeichnung »arabische Philosophie« schnell an ihre Grenzen, werden hierdurch doch all diejenigen Philosophen des islamischen Raums ausgeschlossen, die in einer anderen Sprache, etwa dem Persischen, philosophische Schriften verfasst haben.

Eine weite Definition von Philosophie in Persien

»We have used philosophy not only in its rationalistic sense but also in in a wider sense to include certain aspects of theological debate, philosophical sufism, philosophical narratives, and even philosophical hermeneutics (ta'wîl).«

Seyyed Hossein Nasr / Mehdi Aminrazavi
4 Die Herausgeber der auf vier Bände angelegten Anthology of Philosophy in Persia, von denen bislang die ersten beiden Bände vorliegen, haben sich für eine erweiterte Definition von Philosophie entschieden: »We have used philosophy not only in its rationalistic sense but also in in a wider sense to include certain aspects of theological debate, philosophical sufism, philosophical narratives, and even philosophical hermeneutics (ta'wîl).« (1/vii). Und auch die im Titel angekündigte Einschränkung auf Philosophie in Persien wurde extensiv ausgelegt. Aufgenommen wurden nicht nur in persischer Sprache verfasste Texte; vielmehr wurden grundsätzlich all jene Philosophen berücksichtigt, die in irgendeiner Weise dem persischen bzw. persisch geprägten Raum zuzuordnen sind. Auf der anderen Seite wurden hingegen solche Denker ausgeschlossen, die zwar persische Texte verfassten, aber eindeutig anderen philosophischen Traditionen, wie etwa der indischen, zuzuordnen sind, wie beispielsweise der delhische Philosoph Shâh Walî Allâh (gest. 1176/1762).
5 Indem die Herausgeber mittels der Präsentation von übersetzten und kommentierten Originaltexten anstreben, die philosophische Tradition Persiens von Zarathustra bis ins 20. Jahrhundert nachzuzeichnen, stehen sie in der Tradition Henry Corbins und der ihm eigenen Auffassung von persischer Philosophie. Corbin hatte übrigens auch gemeinsam mit Saiyid Jalâl al-Dîn Ashtiyânî Mitte der 1960er Jahre den nie vollendeten Plan gefasst, eine Anthologie des philosophes iraniens herauszubringen, von denen bis zu seinem Ableben 1978 allerdings erst die ersten vier Bände erschienen waren. Eine von Henry Corbin herausgegebene Auswahl der Texte in französischer Übersetzung erschien 1981. 2 Ganz in der Tradition Corbins ist auch die von den Herausgebern postulierte »esoteric dimension of Shi'ism that therefore links it at its very roots with Islamic esoterism as such, of which it is a manifestation along with Sufism, which is the central expression of that esoterism« (2/4).

Vorislamische und frühe islamische Philosophie

In Band 1, Teil 2 behandelte Philosophen:


Abû l-'Abbâs Muhammad Îrânshahrî
(3./9. Jh.)

Nâsir-i Khusraws
(gest. 481/1088-89)

Abû Nasr Fârâbî
(gest. 339/950)

Abû l-Hasan al-'Âmirî
(gest. 381/992)

Abû Sulaimân al-Sijistânî
(gest. 390/1000)

Avicenna (Ibn Sînâ)
(gest. 428/1037)

Abû 'Alî ibn Miskawaih
(gest. 421/1030)

Bahmanyâr ibn Marzubân
(gest. 458/1066)

Muhammad Zakariyyâ' Râzî
(gest. 320/932)

Abû Raihân al-Bîrûnî
(gest. 442/1051)

'Umar Khaiyâm
(gest. 517/1122)
6 Angesichts einer solch inhaltlich wie zeitlich weit gefassten Definition von »Philosophie in Persien« und einer Begrenzung auf vier Bände musste die Auswahl des Textmaterials natürlich notwendig selektiv ausfallen. Der erste Band enthält im ersten Teil Textmaterialien der vorislamischen Epoche (3-87: Selected Readings from Zoroastrian Philosophy) sowie der islamischen Epoche zwischen dem 3./9. und 6./12. Jahrhundert. Letztere ist grob untergliedert in peripatetische Philosophen einerseits und »unabhängige« Philosophen andererseits, die keiner spezifischen Schultradition zuzuordnen sind. Innerhalb der Großkapitel erfolgt die Anordnung der Philosophen streng chronologisch – auf Avicenna (Ibn Sînâ) (gest. 428/1037) folgt also nicht unmittelbar dessen wichtigster Schüler und Überlieferer seiner Philosophie, Bahmanyâr ibn Marzubân (gest. 458/1066), sondern zunächst Abû 'Alî ibn Miskawaih (gest. 421/1030). Jedem Kapitel ist eine kurze ideengeschichtliche Einordnung des im folgenden übersetzten Philosophen von einem der Herausgeber vorangestellt sowie eine bibliographische Sektion nachgestellt.
7 Die Kapitel des zweiten, der islamischen Philosophie gewidmeten Teils enthalten Textmaterialien der folgenden Denker: Abû l-'Abbâs Muhammad Îrânshahrî (3./9. Jh.), ein Zeitgenosse al-Kindîs, dessen philosophische Vorstellungen durch Texte späterer Autoren bekannt sind und im vorliegenden Band durch einen kurzen Abschnitt aus Nâsir-i Khusraws (gest. 481/1088-89) Zâd al-musâfirîn vorgestellt werden; weiterhin Abû Nasr Fârâbî (gest. 339/950), Abû l-Hasan al-'Âmirî (gest. 381/992), Abû Sulaimân al-Sijistânî (gest. 390/1000), Avicenna, Abû 'Alî ibn Miskawaih, Bahmanyâr ibn Marzubân, Muhammad Zakariyyâ' Râzî (gest. 320/932), Abû Raihân al-Bîrûnî (gest. 442/1051) und 'Umar Khaiyâm (gest. 517/1122). Die Übersetzungen, bei denen es sich teils um Nachdrucke, teils um spezifisch für die Anthologie angefertigte Arbeiten handelt, sind mehrheitlich von den jeweiligen Fachleuten für die behandelten Denker erstellt und von zumeist hoher Qualität.
8 Bisweilen erlauben Einführung und Auswahl der Textmaterialien allerdings nur eingeschränkt einen Einblick in den gegenwärtigen Forschungsstand. Dies ist etwa der Fall bei dem zweifelsfrei bedeutendsten Denker des ersten Bandes, Avicenna. Seyyed Hossein Nasr, der Verfasser der Einführung (195-198) und Übersetzer der Einleitung Avicennas zu seinem Mantiq al-mashriqiyyin (The Logic of the Orientals) (268-270) ist vehementer Verfechter der Vorstellung, Avicenna habe in seiner bis auf Fragmente (wozu der hier übersetzte Text zählt) verlorenen Schrift, deren Titel möglicherweise al-Hikma al-mashriqiyya (Die »östliche« oder »orientalische« Philosophie) gelautet hat, eine von seinen übrigen erhaltenen Schriften grundsätzlich abweichende Philosophie vertreten, die eine Vorstufe der später von Shihâb al-Dîn al-Suhrawardî (hingerichtet 587/1191) ausformulierten Illuminationslehre (Hikmat al-ishrâq) darstelle. Die davon abweichende, sehr fundiert begründete Ansicht etwa von Dimitri Gutas 3 kommt hingegen im Rahmen der Anthologie von einem kurzen bibliographischen Hinweis abgesehen (1/272) nicht zur Sprache. Im Bîrûnî-Kapitel, welches u.a. eine paraphrasierte Übersetzung Nasrs von Bîrûnîs Briefwechsel mit Avicenna enthält, wäre außerdem ein Hinweis auf die wegweisenden Arbeiten und Teilübersetzungen von Gotthard Strohmaier zu diesem Text angebracht gewesen. 4

Die Philosophie der Ismâ'îliyya

Im Band 2 behandelte Philosophen:


(Umm al-kitâb)
(2./9. Jh.)

Jâbir ibn Hayyân
(gest. zw. 187/803 u. 199/815)

Abû Ya'qûb al-Sijistânî
(gest. zw. 361/971 u. 393/1002)

Abû Hâtim Râzî
(gest. 322/934)

Hamîd al-Dîn al-Kirmânî
(gest. nach 411/1021)

Mu'aiyad fî l-Dîn al-Shîrâzî
(gest. 470/1077)

Nâsir-i Khusraw
(gest. 481/1088-89)

Nasîr al-Dîn Tûsî
(gest. 672/1274)
9 Der zweite Band der Anthologie ist der Ismâ'îliyya gewidmet, einer Abzweigung von der Imâmiyya nach dem Tod des Imâm Ja'far al-Sâdiq im Jahre 148/765, deren religiöses Denken nachhaltig durch neuplatonische Kosmologie geprägt war. Neben Auszügen aus dem persischsprachigen Umm al-kitâb, dessen Verfasser unbekannt ist und dessen Wurzeln wohl ins 2./9. Jahrhundert zurückreichen, sowie Auszügen aus Schriften des enigmatischen Jâbir ibn Hayyân enthält der Band umfangreiche Auszüge aus den Schriften von Abû Ya'qûb al-Sijistânî (gest. zw. 361/971 und 393/1002), Abû Hâtim Râzî (gest. 322/934), Hamîd al-Dîn al-Kirmânî (gest. nach 411/1021), der populärhistorischen Enzyklopädie der Sendschreiben der Lauteren Brüder von Basra, deren Alter und Verfasserschaft bis heute umstritten sind, von Mu'aiyad fî l-Dîn al-Shîrâzî (gest. 470/1077), Nâsir-i Khusraw (gest. 481/1088-89) sowie Nasîr al-Dîn Tûsî (gest. 672/1274).
10 Wie schon im ersten Band handelt es sich bei einem Teil der Übersetzungen um Nachdrucke, teils wurden sie neu angefertigt, darunter auch echte Perlen wie etwa Hermann Landolts Übersetzung von Sijistânîs Kashf al-mahjûb. Auch formell wurde das Muster des ersten Bandes beibehalten: Jedem Kapitel ist eine Einleitung eines der Herausgeber vorangestellt, den Abschluss bildet jeweils eine Kurzbibliographie – die Bibliographie zu Hamîd al-Dîn al-Kirmânî wäre zu ergänzen mit den einschlägigen Arbeiten von Paul E. Walker und Daniel de Smet. 5 Die Auswahlkriterien für die eher unausgewogene Bibliographie zu Nasîr al-Dîn Tûsî sind nicht ersichtlich (377-378). Beide Bände werden durch eine allgemeine Bibliographie sowie einen Index abgerundet.
11 Alles in allem stellt die Anthologie eine sehr reichhaltige Materialsammlung dar, die auch dem des Arabischen bzw. Persischen Unkundigen durch den Zugang zu wichtigen Primärtexten einen Überblick über die Vielfältigkeit philophischen Denkens im islamisch-persischen Raum verschafft.
polylog. Forum für interkulturelle Philosophie 4 (2003).
Online: http://lit.polylog.org/4/rscs-de.htm
ISSN 1616-2943
Quelle: external linkpolylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 8 (2001), 86-88.
Autorin: Sabine Schmidtke, Berlin (Deutchland)
© 2003 Autorin & polylog e.V.

Anmerkungen

1
Hans Daiber (1999): Bibliography of Islamic Philosophy. Leiden – Boston: Brill (Handbuch der Orientalistik. Erste Abteilung, der Nahe und Mittlere Osten 43).
Seyyed Hossein Nasr / Oliver Leaman (eds.) (1996): History of Islamic Philosophy. London – New York: Routledge. go back
2
Henry Corbin (1981): La philosophie iranienne islamique aux XVIIe et XVIIIe siècles. Paris: Buchet-Chastel.go back
3
Zuletzt: Dimitri Gutas (2000): "Avicenna's Eastern ('Oriental') Philosophy: Nature, Contents, Transmission". In: Arabic Sciences and Philosophy 10.2, 159-180. go back
4
Al-Bîrûnî (1988): In den Gärten der Wissenschaft. Ausgewählte Texte aus den Werken des muslimischen Universalgelehrten. Übers. u. erl. von Gotthard Strohmaier. Leipzig: Reclam.
Gotthard Strohmaier (1999): Avicenna. München: C.H. Beck. go back
5
Paul E. Walker (1999): Hamîd al-Dîn al-Kirmânî. Ismaili Thought in the Age of al-Hâkim. London – New York: I.B. Tauris / Institute of Ismaili Studies.
Daniel de Smet (1995): La quiétude de l'intellect: Néoplatonisme et gnose ismálienne dans l'oeuvre de Hamîd ad-Dîn al-Kirmânî. Louvain: Peeters Press / Department Oriental Studies. go back
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