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Raúl Fornet-Betancourt (Hg.)
Quo vadis, Philosophie?
Antworten der Philosophen. Dokumentation einer Weltumfrage

Aachen 1999


Aachen: Mainz,
1999.
(Concordia Reihe Monographien 28)
337 Seiten
ISBN 3-86073-694-9



Wissenschaftsverlag Mainz:
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»Die Initiative der Weltumfrage versteht sich ... als Instrument zur Herausbildung eines Weltforums der Philosophie, an dem eben durch die Beteiligung repräsentativer Vertreter der verschiedenen Kulturen der Philosophie bzw. der verschiedenen Kulturkreise der Menschheit die Sache der Philosophie unter dem Gesichtspunkt nicht nur der Aktualisierung, sondern auch der besseren Interaktion im Hinblick auf ihre neue Artikulation erneut verhandelt werden kann.«

  Die Idee ist einfach: Man formuliere einige Fragen zur aktuellen Situation der Philosophie und lege sie verdienten Philosophen in aller Welt vor. So realisiert von der Philosophiezeitschrift Concordia in der Absicht, mit »einer wirklich weltweiten Konsultation über das Verhältnis der Philosophie zur Geschichte und Gesellschaft, über den Charakter, den Sinn und die Funktion der Philosophie« (9) eine Grundlage zu schaffen für eine Selbsttransformation der Philosophie, verstanden vor allem als Intensivierung der interkulturellen und interdisziplinären Zusammenarbeit in der philosophischen Reflexion. Die Umfrage soll dabei den Beginn eines Arbeitsprogramms mit dem Ziel einer Reform der akademischen Lehrpläne der Philosophie darstellen.
  Fünf Fragen gingen in alle Welt:
1. Welche historischen Ereignisse haben Ihrer Meinung nach die Entwicklung der Philosophie in diesem Jahrhundert am stärksten geprägt? Welche historischen Ereignisse dieses Jahrhunderts hätte die Philosophie noch aufzuarbeiten?
2. Welche Ereignisse dieses Jahrhunderts haben auf Ihre philosophische Entwicklung gewirkt bzw. Sie Ihre philosophische Position verändern lassen?
3. Bei einer Bilanz der Philosophie im 20. Jahrhundert: Welche Entwicklungen, Erkenntnisse, Strömungen oder Werke würden Sie unbedingt festhalten wollen?
4. Welche Denktraditionen dieses Jahrhunderts stellen für Sie geeignete Entwicklungsperspektiven für die Zukunft dar?
5. Welche Aufgaben würden Sie als prioritär für die philosophische Reflexion zu Beginn des 21. Jahrhunderts betrachten?

  Die eingegangenen 103 Antworten auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch stellen ein interessantes Potpourri an persönlichen Meinungen und Erfahrungen dar, mit der intendierten »Herausbildung eines Weltforums der Philosophie« durch eine »Beteiligung repräsentativer Vertreter der verschiedenen Kulturen der Philosophie bzw. der verschiedenen Kulturkreise der Menschheit« (9) haben sie jedoch wenig zu tun. Es scheint einem interkulturell orientierten Philosophieverständnis gerade zu widersprechen, zu glauben, eine tatsächlich repräsentative Umfrage zur weltweiten Situation der Philosophie in dieser Form realisieren zu können.
  Was wäre denn das Kriterium für eine repräsentative Meinung? Wie wird man zum repräsentativen Vertreter einer Kultur oder philosophischen Richtung? Als Auswahlkriterium wird die Einschätzung von individuellen philosophischen Werken als (mit)prägend für die Gegenwart der Philosophie oder wirkmächtig in den jeweiligen Kontexten angegeben. Was sind wiederum die Kriterien für eine derartige Einschätzung? Wie wird sie im Untersuchungsdesign kritisch rückgekoppelt?
  Unter den Antworten finden sich nun einige von Philosophen, denen man eine derartige Bedeutung auch bei größtem Wohlwollen nicht zuschreiben kann – schon alleine deswegen nicht, weil sie bislang schlicht weder in der Lehre noch mit Publikationen nennenswert in Erscheinung getreten sind. Andererseits: Warum sollte ihre Meinung weniger zählen? Oder die von Denkern und Denkerinnen außerhalb der akademischen Philosophie? Ganze Länder und philosophische Strömungen sind unter den Antworten nicht vertreten – bei gerade 103 Antworten wäre es schon rein rechnerisch gar nicht anders möglich. Mit sozialwissenschaftlicher Redlichkeit hat die Umfrage somit leider kaum etwas gemein.
  Zuletzt: Wer möchte im Ernst glauben, dass die kurzen Statements, oft stichpunktartig und nicht viel länger als eine Seite, tatsächlich eine ernst zu nehmende Grundlage für ein derart tief greifendes Projekt wie eine Transformation der Philosophie darstellen könnten? Man sollte meinen, hier seien Differenzierung und klare Argumentation gefragt, nicht Pauschalisierung und schillernde Schlagwörter.
  Die Initiative hätte besser daran getan, ihr Ziel drei Stockwerke tiefer zu hängen und von einer vermeintlichen Repräsentativität der Umfrage abzulassen. Dann könnte man den Band als eine zwar eher zufällige, aber dennoch hochinteressante Sammlung von internationalen Sichtweisen zur aktuellen Situation der Philosophie lesen, die zudem ein ums andere Mal lebendige persönliche Zugänge zum philosophischen Schaffen ihrer Autoren eröffnet. Und das ist doch gar nicht so wenig.

Bertold Bernreuter, München



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