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Wolfgang Habermeyer

Zugänge zur Tradition und Rekonstruktion des Eigenen

Zu Ulrich Lölke: Kritische Traditionen. Afrika. Philosophie als Ort der Dekolonisation


 Bedingungen der Möglichkeit zum Sprechen über das Eigene



Ulrich Lölke:
Kritische Traditionen. Afrika. Philosophie als Ort der Dekolonisation.
Frankfurt/M.: IKO,
2001.
(Denktraditionen im Dialog: Studien zur Befreiung und Interkulturalität 10)
258 Seiten
ISBN 3-88939-552-X




IKO – Verlag für Interkulturelle Kommunikation:
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1

  Ulrich Lölkes Buch ist eine Fleißarbeit. Wer sich mit den gegenwärtigen philosophischen Überlegungen von in Afrika geborenen Menschen beschäftigen möchte, hat mit seinem Buch eine recht reichhaltige Materialsammlung zur Hand. So gut wie alle Denker, die in den Umkreis der afrikanischen Philosophie gehören, werden von ihm angeführt.

2

  Es geht Lölke dabei darum, die Bedingungen der Möglichkeit aufzuzeigen, die afrikanischen Philosophen – trotz der dominanten westlichen Erzählungen über Afrika – offen stehen, über das Eigene zu sprechen. »Was 'wir' sind und was 'sie' sind, deckt sich nicht mit den Bezeichnungen von Europa und Afrika, ebenso wenig, was modern und was traditionell ist« (18). Diese Bedingungen anzugeben heißt also, den Weg dieser afrikanischen Autoren nachzuzeichnen: Wie sie über sich selbst nachdenkend wurden, was sie sind. Lölke ist in seiner Arbeit diesem sehr komplexen Gebilde namens afrikanischer Identität auf der Spur.

3

  Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es beginnend mit W.E.B. DuBois die Anstrengung von Menschen mit dunkler Hautfarbe, sich selbst und anderen ihr Anderssein zu erklären. Aus heutiger Sicht war dieses Anderssein eine Zuschreibung der weißen dominanten Gesellschaft, in der geistigen Strömung der Negritude wurde daraus jedoch ein essentielles Anderssein: ein Anderssein, das sowohl auf Seiten der Schwarzen (z.B. Leopold Senghor) wie auch auf Seiten der wohl wollenden weißen Intellektuellen (z.B. Jean-Paul Sartre) so vertreten wurde. Senghors Satz, "die Vernunft ist weiß und die Emotion ist schwarz", hatte zwar einerseits eine verheerende Wirkung, andererseits gehören aber auch die Ansätze der Negritude zur Geschichte dieser Identitätsfindung.

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  Die so genannte Ethnophilosophie steht für einen weiteren Baustein dieser Geschichte: Der belgische Missionar Placide Tempels hatte in den vierziger Jahren den Bantu eine eigene Philosophie zugeschrieben, die wiederum von schwarzen wie weißen Intellektuellen zum Teil begeistert aufgenommen worden ist. Heute haben sich afrikanische Denker in der Regel sowohl vom Denken der Negritude als auch von dieser Form der Ethnophilosophie entfernt. Nichtsdestotrotz ist deren Identität aber auch ein Resultat des Abarbeitens an gerade diesen vergangenen Strömungen.



 Zugänge zur und Umgangsweisen mit der Tradition

»Das Bemühen um die Zerstörung von Traditionen ist vielleicht eines der schwerwiegendsten Missverständnisse der europäischen Moderne.«

Ulrich Lölke
(19)

5

  Die Kernthese von Lölkes Arbeit besteht nun darin, einen Zugang zur und vor allem eine Umgangsweise mit der Tradition finden. Sicherlich ist der Weg der Moderne im Westen ein Weg gewesen, auf dem die je verschiedenen Erscheinungsweisen von Rationalität Traditionsbestände von innen her herausgefordert und zerstört haben, denn Reflexion und Tradition gingen im Westen in der Regel nicht brüderlich Hand in Hand. Nur: »Das Bemühen um die Zerstörung von Traditionen ist vielleicht eines der schwerwiegendsten Missverständnisse der europäischen Moderne« (19).

6

  Lölke beschreibt in seinem Buch in einem ersten Schritt, wie sich der europäische Rationalismus, wie sich westliche Vorstellungen von Rationalität in den letzten 50 Jahren auch über den vermeintlichen Spiegel namens Afrika gebildet haben: Es geht also noch einmal um die berühmt gewordene Rationalitätsdebatte in der britischen Philosophie in den 60er Jahren bis hinein in die 80er Jahre. Doch auch ein philosophischer Vordenker wie Jürgen Habermas benutzte in seinem Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns die Folie Afrika, um den von ihm dringend benötigten Begriff von Rationalität auf scheinbar sichere Füße stellen zu können.

»Traditionen brauchen wir, um uns in der Welt zurechtzufinden ... Ihre Notwendigkeit einzusehen und sie vor modernem Ersatz zu schützen, nicht in der Bewahrung des Alten als das Gute, sondern in der Auseinandersetzung mit dem Bestehenden, ist ein zentrales Anliegen dieser Arbeit.«

Ulrich Lölke
(235)



7

  Der Kolonialismus hat in Afrika, wenn nicht alles, so doch sehr viel an Traditionen zerstört, ohne dass jedoch eine Moderne in unserem Sinne entstanden wäre. Die Frage des ghanesischen Philosophen Kwasi Wiredu, ob ein Rekurs auf die Traditionen in Afrika wirklich hilfreich sei, um die gegenwärtigen Probleme lösen zu können, betrifft tatsächlich so gut wie alle afrikanischen Philosophen. Es betrifft sie gerade deshalb, weil sie sich in viel stärkerem Maße auf die tatsächlichen gegenwärtigen Probleme ihrer Gesellschaften einlassen, als dies normalerweise im Westen der Fall ist. In Anlehnung an den kamerunischen Philosophen Marcien Towa sieht auch Lölke die Philosophie einer doppelten Aufgabe ausgesetzt: »Einerseits ist sie eingebunden in die politisch-kulturellen Entwicklungen eines Landes und ist aus Eigeninteresse an diesen interessiert. Als Philosophie ist sie ein Teil von ihnen, und beteiligt sich an diesen. Da sie sich unter bestimmten Herrschaftsbedingungen nicht entwickeln kann, liegt ihr die Situation ihrer Gesellschaft am Herzen. Andererseits kann der Zustand der Philosophie ... als ein Indiz für eben jenen sozio-politischen Zustand eines Landes betrachtet werden« (104).

8

  Worauf aber baut die Philosophie in Afrika unter anderem auf? Was sind die Probleme, die sie zu bewältigen hat? Worin besteht ihr Diskurs? »Indem der Rassismus seine Erzählung über das Andere über den Begriff der Vernunft geführt hat und in der Lage war, diese Erzählung im Zuge des Kolonialismus zu universalisieren« (79), weil dem so war und weil dem immer noch so ist, ging es und geht es in der afrikanischen Philosophie immer auch um die Re-Konstruktion des Eigenen, um das Wiederfinden des Eigenen als »Diskurs des Wissens« (ebd.). Lölke schließt daraus, dass die europäische Philosophie nur dann in einen tatsächlichen Dialog mit afrikanischen Denkern eintreten kann, wenn sie ihrerseits bereit ist, ihre Tradition kritisch aufzuarbeiten. Dies heißt aber gerade nicht, sich in schlechten Gegensatz zur Tradition zu stellen, denn »Traditionen brauchen wir, um uns in der Welt zurechtzufinden. Mit und in ihnen bewegen wir uns in der Welt. Ihre Notwendigkeit einzusehen und sie vor modernem Ersatz zu schützen, nicht in der Bewahrung des Alten als das Gute, sondern in der Auseinandersetzung mit dem Bestehenden, ist ein zentrales Anliegen dieser Arbeit. Dies gilt nicht nur für Afrika« (235).



 Kritisches Resümee

Wolfgang Habermeyer
arbeitet als freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk und ist Lehrbeauftragter für Ethnologie an der Universität München.


9

  Wären nicht auf vielen Seiten in diesem Buch wichtige Erkenntnisse verstreut und vereinzelt quasi wie Edelsteine zu finden, müsste man sich allerdings fragen, ob man ein ganzes Buch über afrikanische Philosophie schreiben muss, um zu dieser Erkenntnis zu kommen. Anders ausgedrückt: Die zentralen Fragestellungen sind in Lölkes Buch nicht genau genug herausgearbeitet; es erscheint tatsächlich wie eine Fleißarbeit, bei der dieses und jenes auch noch behandelt werden muss. Warum aber ein Gedankengang auf einen anderen folgt, ist oft nicht recht ersichtlich.

10

  Dazu kommt ein allgemeines Problem von publizierten Dissertationen: Es gibt für sie keine Lektoren. Der Autor gibt in der Regel eine Diskette ab, bekommt, wenn er Glück und einen guten Verlag hat, noch die Druckfahnen zur Korrektur und dann wird das Buch gedruckt. In Lölkes Buch macht sich das zum Teil sehr ärgerlich bemerkbar. Auf ein "zwar" folgt oft kein "aber", und viele, zu viele Sätze erinnern an unselige Lateinstunden, weil man die einzelnen Satzbestandteile erst mühsam ordnen muss.

11

  Eine letzte Kritik am Schluss: »Philosophie hat in Afrika nur Bestand, wenn sie als ein Beitrag zur Überwindung der schwierigen Lage verstanden werden kann, in der sich viele afrikanische Gesellschaften befinden« (233). So ein Satz schlägt Lölkes eigenem Anliegen – wenn ich ihn denn richtig verstanden habe – ins Gesicht, denn diese Form von Paternalismus haben unsere afrikanischen Kollegen nicht verdient. Ob und wie die Philosophie in Afrika Bestand hat, hängt nicht davon ab, welche Aufgabe wir ihr von Europa aus zumessen. Das dürfen wir ruhig den Kolleginnen und Kollegen vor Ort überlassen – und ihrem Glück.



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