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Werner Gabriel

Altchinesische Philosophie: ein Wörterbuch

Zu Ulrich Unger: Grundbegriffe der altchinesischen Philosophie. Ein Wörterbuch der Klassischen Periode




Ulrich Unger:
Grundbegriffe der altchinesischen Philosophie. Ein Wörterbuch der Klassischen Periode.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
2000.
XVIII, 158 Seiten
ISBN 3-534-14535-6




Wissenschaftliche Buchgesellschaft:
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  Ulrich Unger, Professor für Sinologie an der Universität Münster, Leiter des DFG-Projekts Wörterbuch des Klassischen Chinesisch und erster Fachmann auf dem Gebiet des Klassischen Chinesisch, arbeitet seit Jahren an einem Sachwörterbuch des chinesischen Altertums. Wie der Autor schreibt, haben sich einzelne Teile verselbständigt, »so auch die philosophischen Termini«.

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  Als Ergebnis liegt ein sorgfältig und gründlich gearbeitetes Wörterbuch vor, das für jeden, der sich mit dem spröden Gebiet der chinesischen Philosophie herumschlägt, insbesondere auch für Nicht-Sinologen, eine wertvolle Hilfe sein kann. Die wichtigsten philosophisch relevanten Termini der klassischen Texte sind angeführt und nicht nur übersetzt, sondern im Zusammenhang wichtiger Textstellen dargestellt, die zu Recht auch sehr ausführlich sein können. Die Termini sind so ausgewählt, dass sie Begriffe der chinesischen Tradition darstellen und nicht Termini der europäischen Tradition in den chinesischen Texten wieder finden wollen, eine Grundbedingung für jede Interpretation, die einen Zugang zum originalen Charakter der chinesischen Philosophie finden will.

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  Gerade weil dieses Wörterbuch in seiner Art vorbildlich ist, sollen zwei Problemkreise angesprochen werden, die weder dem Buch noch dem Autor speziell angelastet werden können, die aber im Zusammenhang mit vergleichender Philosophie, insbesondere wenn sie "Fernöstliches" betrifft, immer wieder erörtert werden müssen.

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  Der erste betrifft das leidige Problem der Transkription. Unger verwendet eine Variante der traditionellen deutschen Umschrift und versucht damit, das Problem der Homophonie (verschiedene Bedeutung gleich auszusprechender Wörter) zu mildern. Es ist bei einem Philologen, der nicht nur eine Übersetzung eines Wortes bieten kann, sondern auch das Problem der Sprachentwicklung (in diesem Fall Altchinesisch, klassisches Chinesisch, Mittelchinesisch) berücksichtigen muss, wohl verständlich, dass er sich mit der offiziellen, modernen Pinyin-Transkription schwer tut. Im sinologischen Umfeld kann man es sich erlauben, sogar eigene Transkriptionen zu entwickeln und zu verwenden. Für Nicht-Sinologen schafft dieses Vorgehen aber Probleme, die sich zu einer unüberwindlichen Barriere für den Zugang entwickeln können. Es wird dann schon schwierig, Termini, die durchaus nicht gänzlich unvertraut sein müssen, in verschiedenen Wörterbüchern zu finden. Im philosophischen Zusammenhang sollte das Problem der Homophonie auch nicht überschätzt werden.

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  Unger weist in diesem Zusammenhang auf das bekannte li im dritten Ton hin. Li hat mindestens zwei unterschiedliche Bedeutungen von philosophischer Relevanz, die im Chinesischen durch zwei verschiedene Schriftzeichen unmittelbar klar sind ("Ritus" einerseits, "Ordnung" und "Prinzip" andererseits). Da aber solch grundlegende Termini ohnehin genau erörtert werden müssen, hält sich auch für den des Chinesischen völlig Unkundigen die Verwechslungsgefahr in Grenzen. Außerdem sollten sich Philosophen immer fragen, ob nicht auch völlig verschiedene Begriffe doch etwas gemeinsam haben. Unger meint, dass diese Verwirrung ein Ansporn sein sollte, Chinesisch zu lernen. Sein Wort in Gottes Ohr!


»Es wäre natürlich ein Ausdruck grenzenloser Borniertheit, zu meinen, man könnte bei der Beschäftigung mit chinesischer Philosophie ohne Sinologie auskommen.«

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  Die zweite Frage könnte man die nach der philosophischen Relevanz philologischer Forschung nennen. Es wäre natürlich ein Ausdruck grenzenloser Borniertheit, zu meinen, man könnte bei der Beschäftigung mit chinesischer Philosophie ohne Sinologie auskommen. Andererseits kann man doch in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, dass eine Ausbildung und Übung in zünftigem philosophischem Denken auch zum besseren Verständnis des chinesischen Denkens beitragen könnte.

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  Zwei Beispiele aus dem Wörterbuch sollen zeigen, was gemeint ist. Unger erörtert die berühmte Formel zheng ming (meist unglücklich übersetzt mit "Berichtigung der Namen", bei Unger viel besser "auf korrekte Begriffe halten"). Als locus classicus zitiert er eine bekannte längere, sehr interessante Stelle aus den Gesprächen des Konfuzius 13,3. Es ist aber bemerkenswert, dass er die viel berühmtere und wohl unmittelbar auch verständlichere Stelle 12,11 (»[Begriffe sind korrekt verwendet, wenn] Fürst Fürst, Minister Minister, Vater Vater, Sohn Sohn«) nicht anführt. Philosophen würden wahrscheinlich die Definition durch "tautologische" Verdoppelung interessanter und präziser finden. Es fehlt auch der Hinweis, dass damit ein, wenn nicht das zentrale Thema der chinesischen Philosophie formuliert ist, das dieser auch ein systematisches Zentrum verleiht, nämlich das Problem der Namen.

Werner Gabriel
ist Assistenz-Professor für Philosophie an der Universität Wien.


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  Ein anderes Beispiel findet sich in der Besprechung des Urwortes dao, tao, zunächst unbestritten mit "Weg" zu übersetzen. Was ist ein Weg? Unger: »Da jeder Weg zu einem Ziel führt, ist die Bedeutung 'Weg zu etwas' = Methode schon präfiguriert.« Der Hinweis auf Methode ist wertvoll, ich würde allerdings darauf hinweisen, dass im Gegensatz zur europäischen Tradition im chinesischen Denken der Weg nicht durch das Ziel bestimmt ist. Das Wegbild bedeutet das Freimachen eines Durchgangs, Weg als Ausweg usw. Gerade dass bestimmte Begriffe und Bilder als "natürlich", "logisch", "allgemein menschlich" vorausgesetzt werden, bedeutet eine schwere Belastung für den "interkulturellen Dialog". Im vorliegenden Fall ergeben sich daraus auch unterschiedliche Konzepte von wissenschaftlicher Methode.

9

  Das vorliegende Buch ist jedenfalls äußerst empfehlenswert, nicht nur als Wörterbuch, sondern auch als Lesebuch für alle, die sich mit chinesischer Philosophie beschäftigen wollen.



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