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Dilek Çinar

Kulturelle Vielfalt und Dialog

Zu Bhikhu Parekh: Rethinking Multiculturalism. Cultural Diversity and Political Theory


 Eine politische Theorie der multikulturellen Gesellschaft


english  



Bhikhu Parekh:
Rethinking Multiculturalism. Cultural Diversity and Political Theory.

Houndmills – London: Macmillan,
2000.
379 Seiten
ISBN 0-333-60882-8

Cambridge, Mass.: Harvard Univ Pr,
2000.
432 Seiten
ISBN 0-674-00436-1




Macmillan Press:
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Harvard University Press:
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  Die Auswirkungen der internationalen Migration beschäftigen schon seit mehr als drei Jahrzehnten WissenschaftlerInnen, AktivistInnen und PolitikerInnen. In diesem Kontext waren in den 70er und 80er Jahren Ausdrücke wie "Dritte Welt in Europa" oder Begriffe wie "ethnische Unterschichtung" bzw. "Segmentierung" des Arbeitsmarktes, "interne Kolonisation", "moderne Sklaverei" etc. üblich. Heute steht ein anderer Begriff – und zwar ziemlich konkurrenzlos – zur Verfügung, der die unübersehbare Veränderung westeuropäischer Einwanderungsgesellschaften durch internationale Migration auf den Punkt bringen soll: Multikulturalität. Kaum jemand bezweifelt, dass mit diesem Begriff die Realität westeuropäischer Einwanderungsgesellschaften auf eine treffende Art und Weise beschrieben wird. Die Geister scheiden sich bloß in puncto der Wünschbarkeit einer sogenannten multikulturellen Gesellschaft. PolitikerInnen, aktiv engagierte bzw. passiv interessierte BürgerInnen, sogenannte "Betroffene" und eine beträchtliche Anzahl von politischen TheoretikerInnen bzw. PhilosophInnen sind aus unterschiedlichen Gründen entweder dafür oder dagegen.

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  Bhikhu Parekh nimmt in der vorliegenden Publikation ausdrücklich wie umfassend Stellung für eine multikulturelle Gesellschaft, nicht nur, weil diese bereits zur Realität geworden sei, sondern auch, weil kulturelle Vielfalt für jede Gesellschaft einen Wert per se darstelle. Weder ein solcher normativer Standpunkt noch das Bemühen, die Notwendigkeit eines entsprechenden pluralistischen Selbstverständnisses philosophisch zu untermauern, sind Novitäten. Doch die vorliegende Publikation ist der wohl bisher weitreichendste Versuch, eine politische Theorie der multikulturellen Gesellschaft zu entwerfen und zugleich die praktischen Implikationen anhand von konkreten – wenn auch bereits unzählige Male durch- und wiedergekäuten – Fallbeispielen wie etwa der Frage der Kopftücher, der Polygamie, der Klitorisbeschneidung und der Konflikte rund um Salman Rushdie zu veranschaulichen.



 Kritik westlicher Konzeptionen des guten Lebens

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  Parekhs Theorie der multikulturellen Gesellschaft gründet auf einer profunden Kritik historischer wie zeitgenössischer "westlicher" Konzeptionen und unterschiedlicher Rechtfertigungen des "guten Lebens". Seine Kritik gilt erstens verschiedenen Ausprägungen des moralischen Monismus (in der Antike, im Christentum und im klassischen Liberalismus), dessen Kennzeichen der Glaube an die Existenz einer einzigen Form des guten Lebens darstellt. Die monistische Konzeption des guten Lebens läuft nach Parekh entweder auf die Segregation oder die Assimilation unterschiedlicher – moralisch begründeter oder kulturell bestimmter – Lebensformen und mitunter auf die Rechtfertigung von Gewalt gegenüber alternativen Lebensformen aus (49).

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  Zweitens setzt sich Parekh mit frühen pluralistischen Denkern auseinander, da es sich keine zeitgenössische Theorie des Multikulturalismus leisten könne, die klassischen Kritiker des Monismus zu ignorieren – nicht nur, weil Denker wie Vico, Montesquieu und Herder die ersten theoretischen Grundlagen für kulturellen Pluralismus geschaffen hätten, sondern viel mehr deswegen, weil eine Reihe von konzeptuellen Denkfehlern, welche historischen Vertretern des Pluralismus unterlaufen sind, gegenwärtig in den Debatten über einwanderungsbedingte kulturelle Vielfalt wiederholt würden (77). In der Tat trifft Parekhs scharfsichtige Kritik an diesen drei Denkern eins zu eins auf etliche aktuelle Reflexionen über das Für und Wider des Multikulturalismus zu: Das betrifft die Betrachtung von Kultur als einem in sich geschlossenen, organischen wie statischen Ganzen; die Ethnisierung von Kultur durch deren Konstruktion als authentischen Ausdruck einer homogenen (ethnischen oder nationalen) Gemeinschaft; den kulturellen Determinismus, wonach einzelne Individuen passive Träger der jeweiligen, ihre Mitglieder unveränderbar prägenden Kultur sind; das Ignorieren der ökonomischen und politischen Strukturen und somit der Machtverhältnisse, in die jede Kultur eingebettet ist (79).

»To call contemporary western society liberal is not only to homogenize and oversimplify it but also to give liberals a moral and cultural monopoly of it and treat the rest as illegitimate and troublesome intruders.«

Bhikhu Parekh
(112)

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  Schließlich wendet sich Parekh zeitgenössischen Theoretikern zu, die sich innerhalb des liberalen Paradigmas mit der Frage nach dem guten Leben und der Vielfalt moralischer Werte bzw. kultureller Lebensformen befassen. Theoretikern wie Rawls, Raz und Kymlicka wirft Parekh die Verabsolutierung des Liberalismus bzw. die Universalisierung liberaler Werte wie Autonomie vor. Die Folge davon sei eine krude binäre Unterscheidung zwischen liberalen und nicht-liberalen Lebensformen, wobei letztere zugleich als illiberal betrachtet würden. Auf diese Weise reduziere sich die Debatte über Multikulturalismus auf die Frage der Toleranz, während die Frage des Respekts für andere Kulturen und die Unterstützung von kultureller Vielfalt kaum gestellt werde (111).

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  Darüber hinaus seien zeitgenössische liberale Theoretiker inkonsistent, wenn und weil sie die Toleranz nicht-liberaler Kulturen von deren Zustimmung zum liberalen Wertekanon oder zumindest zu bestimmten liberalen Werten abhängig machen würden: »If the minimum that the liberal insists upon is essentially liberal in nature and cannot be shown to be morally binding on all, it cannot be demanded of nonliberals without violating their moral autonomy. If, on the other hand, it is universally binding, then there is nothing particularly liberal about it except the contingent historical fact that liberals happened to appreciate its importance more than others« (111). Liberalismus sei zwar eine mächtige politische und moralische Doktrin in westeuropäischen Gesellschaften, und eine kohärente politische Theorie des Multikulturalismus müsse sich ernsthaft damit auseinandersetzen, doch multikulturelle Gesellschaften können – so Parekh – per definitionem nicht »from within the conceptual framework of any particular political doctrine« theoretisiert werden..



 Probleme des interkulturellen Dialogs

»The dialogue is ... bifocal, centring both on the minority practice and the society's operative public values, both on the minority's and the wider society's way of life.«

Bhikhu Parekh
(271)

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  Damit stellt sich freilich die Frage, wie denn das theoretische Fundament einer multikulturellen Gesellschaft beschaffen sein muss, um die Fallstricke sowohl des Kulturalismus als auch des liberalen Eurozentrismus (ebenso wie des Afrozentrismus, Sinozentrismus etc.) zu vermeiden. Parekh argumentiert, dass ein solches, der pluralistischen Beschaffenheit einer multikulturellen Gesellschaft adäquates theoretisches Fundament nur im Rahmen eines institutionalisierten Dialogs zwischen den Kulturen ausgearbeitet werden kann – ein Dialog, bei dem alle beteiligten Parteien nicht nur einander als gleichberechtigte Gesprächspartner akzeptieren müssen, sondern dessen Erfolg auch davon abhängt, ob die Beteiligten im vergleichbaren Ausmaß über Selbstvertrauen sowie ökonomische und politische Macht verfügen (337).

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  Doch Parekh verstrickt sich dabei selbst in eine widersprüchliche Argumentation, vertritt er doch den Standpunkt, dass erstens alle Kulturen einen Wert haben und ein Minimum an Respekt verdienen. Es seien jedoch nicht alle Kulturen gleichermaßen wertvoll, weswegen auch nicht alle Kulturen im selben Ausmaß Respekt verdienen (177). Zweitens setzt nach Parekh der institutionalisierte Dialog, im Rahmen dessen sich die Beteiligten auf eine Liste universeller Werte einigen sollen, eine egalitäre Verteilung von politischer und ökonomischer Macht zwischen den Kulturen voraus. Es bleibt allerdings gänzlich offen, wie diese grundlegende Möglichkeitsbedingung des multikulturellen Dialogs hergestellt werden soll. Drittens bleibt gleichermaßen unklar, wer denn letztlich an diesem Dialog teilnehmen soll.

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  Dieser Umstand hängt unmittelbar mit Parekhs folgender abstrakter Definition von Kultur zusammen: »Culture is a historically created system of meaning and significance or ... a system of beliefs and practices in terms of which a group of human beings understand, regulate and structure their individual and collective lives. It is a way of both understanding and organizing human life« (143). Religionsgemeinschaften fallen wohl ebenso unter diese Definition wie nationale Mehrheiten, ethnische Minderheiten und unterschiedliche Gruppen von ImmigrantInnen als Gesprächspartner des institutionalisierten Dialogs, der im übrigen auf zumindest drei Ebenen (global, national, lokal) stattfinden müsste. Auf allen diesen Ebenen stellt sich dabei die Frage, welche "Kultur" von wem im Rahmen des Dialogs repräsentiert wird. Nun besteht Parekh darauf, dass Kulturen kein "Wesen" besitzen, sondern in sich differenziert sind: »Every culture is internally varied, speaks in several voices, and its range of interpretive possibility is often indeterminate« (144). Welche der vielen (kollektiven?) Stimmen, die sich innerhalb einer sogenannten Kultur zu Wort melden und dieselben Sachverhalte von denselben kulturellen Glaubensvorstellungen ausgehend unterschiedlich interpretieren, sollen/dürfen als Gesprächspartner des institutionalisierten multikulturellen Dialogs fungieren? Nach welchen Kriterien und von wem ist letztlich die Auswahl der repräsentativen Gesprächspartner zu treffen? Parekh bleibt uns diese Antworten schuldig.



 Konzeptionelle Fallstricke

Dilek Çinar
ist Forschungsmitglied des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien.


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  Bhikhu Parekhs Entwurf einer Theorie der multikulturellen Gesellschaft beansprucht für sich, die konzeptionellen Fallstricke des historischen wie gegenwärtigen kulturellen Determinismus zu vermeiden. Doch dieser Anspruch kann schwerlich mit einer alternativen und hochabstrakten Kulturdefinition gelöst werden. Es reicht nicht aus, homogenen und statischen Kulturkonzepten die Behauptung der internen Differenzierungen ein und derselben Kultur, den dynamischen Charakter von Kulturen und die Fähigkeit eines jeden Individuums zur Kritik an der eigenen Kultur entgegenzuhalten. Denn kultureller Determinismus erschöpft sich nicht bloß in einer falschen Definition von Kultur, die es zu korrigieren gilt. Kultureller Determinismus bedeutet – wie Parekh selbst in seiner Kritik an früheren Pluralisten hervorhebt – auch und vor allem die Verbannung sozio-ökonomischer Strukturen und politischer Machtverhältnisse aus gesellschaftstheoretischen Reflexionen – eine Vorgangsweise, die bedauerlicherweise auch auf die vorliegende Publikation zutrifft.

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  Diesem Manko steht allerdings unter anderem Parekhs brillante Kritik klassischer wie zeitgenössischer liberaler Theoretiker gegenüber, die partikulare moralische Vorstellungen stets zu universell gültigen Maßstäben erklären. Nicht zuletzt deswegen stellt Bhikhu Parekhs Entwurf einer politischen Theorie kultureller Vielfalt einen außergewöhnlich erfrischenden Beitrag zu den bereits repetitiven Debatten über das Für und Wider von Multikulturalismus dar.



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