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Silvia Stoller

Vielfalt im Zeitalter von Globalisierung und Fragmentierung

Zu Seyla Benhabib: Kulturelle Vielfalt und demokratische Gleichheit. Politische Partizipation im Zeitalter der Globalisierung


 Kritische Gesellschaftstheorie im Zeitalter der Globalisierung




Seyla Benhabib:
Kulturelle Vielfalt und demokratische Gleichheit. Politische Partizipation im Zeitalter der Globalisierung.
Frankfurt/M: Fischer,
1999.
128 Seiten
ISBN 3-596-14072-2




Fischer Taschenbuch Verlag:
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1

  »Können wir Gerechtigkeit und Solidarität in unseren Demokratien verwirklichen, ohne dem Egoismus von Wohlfahrtsstaaten zu verfallen und die Grenzen vor Flüchtlingen und Asylanten zu schließen? Wie müßten die demokratischen Identitäten eines globalen Zeitalters aussehen?« (113) Mit diesen beiden Fragen schließt Seyla Benhabib ihre Max-Horkheimer-Vorlesungen, die sie im Juni 1997 in Frankfurt hielt und die in diesem Band gedruckt vorliegen. Zwei Jahre später könnten die Fragen aktueller nicht sein.

2

  Benhabib teilt mit Horkheimer die Verpflichtung, kritische Gesellschaftstheorie zu betreiben, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als »die Gegenwart kritisch zu überdenken und zu ergründen« (11) – eine von Globalisierung bestimmte Gegenwart und die Frage, wie Identität und Differenz im konkreten politischen Kontext – für Benhabib in dem gegenwärtiger westeuropäischer Demokratien – müssen neu überdacht werden. Ihre Theorie heißt Diskursethik, der es darum geht, soziologische Analysen und normative Einsichten in eine »sinnvolle Synthese« zu bringen.

3

  Die Ausgangsüberlegung ist, daß paradoxerweise mit der Globalisierung Fragmentierung und Desintegration einhergehen: übernationale Demokratisierungstendenzen – Bildung neuer Staaten; innerstaatliche Demokratisierung – innerstaatliche ethnische und kulturelle Konflikte; globale Vernetzung – Verlust an sozialer Integration; Öffnung der Grenzen – Bildung neuer Grenzen usw. Aus dieser »Dialektik« resultiert für Benhabib die Notwendigkeit, Klarheit über eine »neue Politik der Identität/Differenz zu gewinnen«, worin sie »die Aufgabe zeitgenössischer kritischer Gesellschaftstheorie« sieht.



 Neue Politik der Identität und Differenz


 

4

  Zunächst untersucht Benhabib essentialistische und konstruktivistische Identitätsmodelle in den Sozialwissenschaften. Während der Essentialismus von historisch gleichbleibenden Merkmalen kollektiver Identität ausgeht, geht der Konstruktivismus von instabilen und veränderbaren Identitäten aus. Doch der Dichotomie von Essentialismus und Konstruktivismus seien Grenzen gesetzt. An die Adresse der Konstruktivisten lautet die Kritik: »In menschlichen Angelegenheiten ist nicht alles möglich.« (25) Und mit Bezug auf die Essentialisten wäre zu bedenken, daß identitätspolitische Bewegungen historische – also nicht unveränderliche – Ereignisse sind.

»Können wir Gerechtigkeit und Solidarität in unseren Demokratien verwirklichen, ohne dem Egoismus von Wohlfahrtsstaaten zu verfallen und die Grenzen vor Flüchtlingen und Asylanten zu schließen? Wie müßten die demokratischen Identitäten eines globalen Zeitalters aussehen?«

Seyla Benhabib
(113)

5

  Benhabibs Vorschlag angesichts dieser Problematik scheint eine Zusammenführung dieser beiden Aspekte zu sein. Man müsse geeignete Forschungsansätze finden, die sowohl der Konstruiertheit von Identitäten, als auch dem Faktum, daß Identität für die Mitglieder identitätspolitischer Bewegungen essentiell ist, gerecht werden. Die Diskursethik ist einer solcher Forschungsansatz, deren zentrale Prämisse lautet, daß nur diejenigen Normen gültig seien, denen alle Betroffenen in einem Diskurs zwangsfrei zustimmen können. Das setze wiederum zweierlei voraus: zum einen universale Achtung, zum anderen egalitäre Reziprozität (59).

6

  Das dritte Kapitel handelt vom Begriff der Staatsbürgerschaft in der Europäischen Gemeinschaft. Hier zeigen sich die veränderten Verhältnisse im Zusammenhang mit der Frage nach Identität und Differenz besonders deutlich. Zu Recht beklagt Benhabib eine Asymmetrie zwischen Staatsbürgern und Nicht-Staatsbürgern der EU, was ihre politischen Rechte betrifft. Warum darf ein Italiener in Hamburg oder London nach sechs Monaten an lokalen Wahlen teilnehmen, nicht aber ein Türke? Eine solche augenscheinliche Asymmetrie sei nach Benhabib mit dem demokratischen Prinzip schlichtweg unvereinbar. Dies widerspreche – genau wie der Ausschluß von Fremden aus der potentiellen Mitgliedschaft in der EU – dem Gedanken der demokratischen Staatsbürgerschaft, für den die »Durchlässigkeit der Grenzen« (86) gelten müsse. Dem entspricht die Kritik an einer geschlossenen Gesellschaft. Hier hinke die politische Theorie den tatsächlichen Entwicklungen weit hinterher.

7

  Vorgeschlagen wird die Idee einer übernationalen und »transnationalen Staatsbürgerschaft« (102) und das Überdenken der Trennung von Öffentlichem und Privatem. Als eine der Prämissen der Diskursethik gilt Benhabib die Förderung der »diskursive Meinungsbildung« in einer freien und öffentlichen Sphäre, das heißt die Schaffung neuer öffentlicher Sphären, in welchen sich das Recht auf »universelle Partizipation« voll entfalten könne und vor dem Recht auf gruppenspezifische Privilegien rangiere.



 Orientierung an gesellschaftlicher Praxis


Silvia Stoller lehrt Philosophie an der Universität Wien. Sie ist Koordinatorin der AG Philosophische Frauenforschung am Institut für Philosophie und Leiterin der Vortragsreihe Feministische Theorie und Frauenforschung am Institut für Wissenschaft und Kunst in Wien.

8

  Eines kann man Seyla Benhabib sicher nicht vorwerfen, nämlich, daß sie politische Philosophie betreibe, ohne auf gesellschaftliche Verhältnisse direkt verändernd einwirken zu wollen. Ihr theoretischer Anspruch ist stets an konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen und Umsetzungsmöglichkeiten orientiert. Die Instituierung einer internationalen Zivilgesellschaft und die Schaffung neuer öffentlicher Sphären wird vorgeschlagen.

9

  Führt aber nicht genau das zur Frage nach der institutionellen Verwaltung und Kontrolle und damit zum Problem des gerade kritisierten Normativismus? Darüber hinaus scheint die Diskursethik innerhalb demokratischer Ordnungen zweifelsohne ein philosophisch wohlmeinender und wohltuend politisch konkreter Vorschlag zu sein, sie stolpert aber unweigerlich, wenn sie die Grenzen zu nichtdemokratischen Staaten überschreiten muß.



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