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Nausikaa Schirilla

Die Arbeit des Kulturbegriffs

Zu Uma Narayan: Dislocating Cultures. Identities, Traditions and Third World Feminism


 Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff



english  


Uma Narayan:
Dislocating Cultures. Identities, Traditions and Third World Feminism.
New York – London: Routledge,
1997.
226 Seiten
ISBN 0-415-91419-1




Routledge:
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  In der interkultrellen Debatte wird der Kulturbegriff selbst viel zu wenig thematisiert. Uma Narayan legt dazu eine interessante Arbeit vor, die auch noch sehr spannende Inhalte zu aktuellen Fragen des internationalen Feminismus enthält. Uma Narayan ist Inderin und lehrt in den USA Philosophie. Ihre Arbeit ist auch eine Reaktion auf die Erfahrungen, die sie als in den USA lebende Inderin mit kulturellen Zuschreibungen gemacht hat. Reiches autobiographisches Material macht das Werk sehr lesbar.

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  Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff wird in fünf Teilen an einzelnen Beispielen geleistet, die die Frauenfrage und das postkoloniale Indienbild betreffen. Im ersten Teil setzt sich Narayan mit der Frage auseinander, welcher Kulturbegriff der Behauptung von Hindu-Nationalisten und Dritte-Welt-Spezialisten zugrunde liegt, der Feminismus in Indien sei eine westlich geprägte, von außen aufgesetzte Neuerung. Im zweiten Teil geht es um die kolonialistische und aktuelle Darstellung der kulturspezifischen Funktion des Sati, der Witwenverbrennung. Dem folgt ein Teil über den kulturellen Status von Gewalt gegen Frauen in den USA.

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  Im vierten Kapitel stellt Narayan die ambivalenten Anforderungen vor, die Subjekte wie sie erfüllen müssen, die als »authentische Insiderinnen«, das heißt, authentische Berichterstatterinnen, über ihre Kultur benutzt werden und dabei mehrere Rollen spielen und äußerst problematische Zuschreibungen über sich ergehen lassen müssen. Zuletzt nimmt sie die Frage der kolonialen Konstruktion am Beispiel des indischen Essens wieder auf.



 Ein flexibler und offener Kulturbegriff


 

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  Narayan zeigt, daß viele westliche feministische Autoren und auch Hindu-Fundamentalisten mit einem sehr ähnlichen Kulturbegriff arbeiten: Sie sehen Kultur als ein einheitliches, statisches, unveränderliches und unhinterfragbares Gebilde. Dem setzt Narayan einen flexiblen und offenen Kulturbegriff entgegen, der in sich vielfältig ist. Sie diskutiert dies, indem sie zeigt, daß ihr Engagement für den Feminismus nicht auf ihre "ausländische" Bildung oder ähnliches zurückzuführen sei, wie viele Hindu-Nationalisten behaupten, sondern den internen Widersprüchen und Protesten ihrer Mutter und Großmutter zu verdanken ist. Ihr Feminismus ist aus Erfahrungen in ihrem kulturellen Umfeld und dem Protest und der Auflehnung ihrer weiblichen Verwandten geworden und gewachsen, daher ist es absurd, diesen als äußerlich zu bezeichnen. Damit wird das Protestpotential innerhalb der eignen Kultur geleugnet.

»Der Kulturbegriff gewinnt seine Macht nicht dadurch, daß er falsch definiert wird, sondern indem er arbeitet. Sie dekonstruiert das Arbeiten dieses Kulturbegriffes und zeigt die zahlreichen Konstruktionen, Verschiebungen und Realitäten, die mit dem Kulturbegriff hervorgebracht werden.«

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  Es reicht jedoch nicht aus, einen anderen Kulturbegriff zu definieren. Der Kulturbegriff gewinnt seine Macht, wie Narayan zeigt, nicht dadurch, daß er falsch definiert wird, sondern indem er arbeitet. Sie dekonstruiert das Arbeiten dieses Kulturbegriffes und zeigt die zahlreichen Konstruktionen, Verschiebungen und Realitäten, die mit dem Kulturbegriff hervorgebracht werden. Kulturelle Identität, einheimische nationale Kultur und ähnliche Begriffe enthalten totalisierende Konstruktionen, die auf die Auseinandersetzung mit den Kolonialisten zurückgehen. Sie reproduzieren deren Bilder, obgleich sie gegen diese gesetzt sind. Narayan bezeichnet diese Begriffe als Ergebnis eines politischen und diskursiven Kampfes, die zugleich Mittel in diesem Kampf sind. So konnten bestimmte, zuvor singuläre Gebräuche, wie beispielsweise Sati, zum Inbegriff indischer Kultur werden. Anhand zahlreicher widersprüchlicher Phänomene zeigt Narayan, daß die konkreten Inhalte dieser authentischen Kultur oder Identitäten, ebenso wie die Verwestlichung willkürlich und selektiv gewählt sind. Authentizitätsdiskurse sind Machtdiskurse. Feministinnen, sagt sie, müßten all diesen »Konstrukten der politischen Imagination« skeptisch gegenüberstehen.



 Plädoyer für Vielfalt und Heterogenität


 

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  Des weiteren zeigt Narayan sehr deutlich, daß zeitgenössische westliche Feministinnen die kolonialistischen Diskurse übernehmen. Narayan weist dies an den Darstellungsstrategien nach, nicht an den Inhalten, wie beispielsweise unterdrückerische Praktiken gegenüber indischen Frauen dargestellt werden. In den monisierten westlichen Diskursen werden sie durch Kultur oder Tradition erklärt. Tradition wird unhistorisch und zeitlos dargestellt, Religiosität als ein selbsterklärendes Muster verwandt. Oft geht es auch um Inhalte, gegen die sich indische Feministinnen auch zur Wehr setzten, allerdings mit anderen Strategien. Die Funktion, die der Kulturdiskurs hat, wird im Kapitel über Gewalt gegen Frauen in den USA deutlich. Hier wird, im Gegensatz zur Darstellung von Gewalt gegen Frauen in Indien, nicht die Kultur bemüht, um die Gewalt zu erklären. Keine Feministin würde aus der Tatsache, daß amerikanische Männer Frauen schlagen, ein kulturelles Spezifikum machen.

Nausikaa Schirilla lehrt am Institut für Pädagogik der Goethe-Universität Frankfurt/M.

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  Aus Narayans Analyse folgt ein Plädoyer für Vielfalt und Heterogenität. Sie denkt, daß trotz bestehender kultureller Differenzen sich Frauenthemen im internationalen Vergleich ähneln und fordert, daß Feministinnen lernen müssen, entsprechende Gemeinsamkeiten und Differenzen punktuell und partiell zu sehen und sie nicht feministisch totalisieren dürfen.

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  Dislocating Cultures ist eine überzeugende Auseinandersetzung mit Identitäts- und Authentizitätsdiskursen, die nicht nur für Feministinnen interessant ist.



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