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Ronnie Peplow

Tanz der Kulturen

Zu Joana Breidenbach & Ina Zukrigl: Tanz der Kulturen. Kulturelle Identitäten in einer globalisierten Welt


 Das Szenario der Globalisierung




Joana Breidenbach /
Ina Zukrigl:

Tanz der Kulturen. Kulturelle Identitäten in einer globalisierten Welt.
München: Antje Kunstmann,
1998.
254 Seiten
ISBN 3-88897-208-6




Verlag Antje Kunstmann:
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1

  Die beiden Autorinnen werfen aus ethnologischer Perspektive einen Blick auf das Szenario der Globalisierung. Im Zentrum des Buches steht die Frage nach den Auswirkungen der Globalisierung auf die Kultur(en). Gegen die Schreckgespenster einer »McWorld«, einer Kulturschmelze auf dem Niveau der populären amerikanischen Massenkultur, oder der vollständigen Auflösung der bestehenden Kulturen in unvermittelt nebeneinander stehende Fragmente setzen Breidenbach und Zukrigl auf eine differenzierte Betrachtung von Kultur als symbolische Praxis innerhalb des Globalisierungsprozesses. Mit Ulrich Beck unterscheiden sie zwischen Globalisierung, dem Vernetzungsprozeß, der sich zumindest zum Teil gestalten läßt, Globalität, der tatsächlichen Vernetzung von Technologie, Medien, Märkten, und Globalismus, der neoliberalen Ideologie und Praxis, nach der der Weltmarkt der bestimmende und selbstregulierende Motor der Veränderung ist (11).

2

  In der zentralen These des Buches wird die sozio-ökonomischen Rede der Globalisierung um kulturtheoretische Aspekte ergänzt. Dies scheint nötig, weil die unterschiedlichen TheoretikerInnen bisher noch immer von einem holistisch-homogenen Kulturbegriff ausgehen und daher Veränderungen als eine Degeneration der »authentischen« Kultur ansehen. Wird »Authentizität« substantiell verstanden, dann dürfen Veränderungen nicht den Kern dessen betreffen, was als »kulturelle Identität« definiert ist. Wenn dieser Begriff dagegen als ein funktionales Konzept begriffen wird, läßt sich Kultur selbst als eine distinkte Gestaltungsmöglichkeit und Formgebung betrachten, in dem Authentizität eine prozessuale Rolle spielt, die »auf gelungener Aneignung kultureigener und fremder Phänomene« beruht (197).

3

  Joana Breidenbach und Ina Zukrigl konzentrieren sich auf die Ebene der von ihnen sogenannten Globalkultur, der sie ein globales Referenzsystem, in dem sich die kulturelle Vielfalt neu organisiert, verstehen. Die Globalkultur wird einerseits gegen die Apokalyptiker abgesetzt, die unter Globalisierung Amerikanisierung oder Verwestlichung verstehen und im Ausbreiten der Weltökonomie den Untergang der Kulturen vorhersehen. Auf der anderen Seite gehen die Autorinnen auf deutliche Distanz zu Positionen, die kulturelle Differenzen verabsolutieren und einen Kampf der Kulturen (Huntington) prognostizieren.



 Ein dynamisches und offenes Kulturkonzept


»Der Vielfalt der zeitgenössischen Entwicklungen können wir nur gerecht werden, wenn Kultur als zentrale Dimension anerkannt und in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit erfaßt wird. Kultur war immer schon das Produkt von Beziehungen und ist auch in unserer globalisierten Welt einem kontinuierlichem Wandel ausgesetzt.«

Joana Breidenbach /
Ina Zukrigl (234)

4

  Mit der Hypothese eines dynamischen und offenen Kulturkonzepts läßt sich zeigen, daß die Beeinflussung von Kulturen nicht nur einseitig und schon gar nicht einheitlich verläuft. Zunächst sind alle Kulturen Mischformen, die Vorstellung einer reinen Kulturform muß als kulturphilosophische Fiktion entlarvt und überwunden werden, sodann läßt sich zeigen, daß unterschiedliche Kulturen die gleichen Artefakte verschieden aufnehmen und integrieren beziehungsweise abstoßen.

5

  So sind zum Beispiel die McDonald's-Restaurants nicht überall in der Welt so gleich wie vermutet wird, und auch die Bedeutung eines Besuchs variiert. Gleiches läßt sich über die Richtung der Beeinflußung sagen, durchaus nehmen die "westlichen" Kulturen ja von anderen etwas an: Vom Tee, der – aus Indien importiert – zum Inbegriff britischer Lebensart geworden ist, bis zum Döner Kebab, der in Deutschland mehr Umsatz macht als der Hamburger, reichen die angeführten Beispiele. Keine Homogenisierung durch Konsum findet also statt, sondern die Möglichkeit, vielfältige Strategien der Selbstdefinition und Selbsterhaltung zu entwickeln und zu erproben (58).



 Globalkultur und Kapitalismus


 

6

  Der Einwand, gegen den sich die VerfechterInnen einer positiv besetzten Globalkultur verteidigen müssen, lautet, daß sie bei aller kulturellen Mischung und Buntheit, Anpassung und Assimilation, Dynamik und Kreativität die Logik des die Welt bis in den letzten Winkel beherrschen wollenden Kapitalismus unterschätzen. Oder anders gesagt: Eine kulturtheoretische Analyse der globalen Situation übersieht den entscheidenen Faktor der westlichen Expansion: die Akkumulation von Kapital.

»Eine kulturtheoretische Analyse der globalen Situation übersieht den entscheidenen Faktor der westlichen Expansion: die Akkumulation von Kapital.«

7

  Im Zeitalter der Globalisierung verändert sich aber auch der klassische Kapitalismus, er unterliegt einer Dezentralisierung, Differenzierung und Deterriorialisierung. Der desorganisierte Kapitalismus (Lash / Urry) eröffnet einer Vielzahl neuer Akteure Handlungsräume, die sie durch Aneignung der neuen Vernetzung der Welt (zum Beispiel durch das Internet) sich zunutze machen können. Die Arbeitsmigration führt nicht zwangsläufig zu einer Verarmung und Isolierung der Menschen, sondern läßt neue Familienformen entstehen, die über Länder- und Kulturgrenzen hinweg ihr eigenes kleine Soziosystem etablieren.

 

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  Mit einer Fülle von Beispielen versuchen die Autorinnen die Vorurteile gegen das Modell einer Globalkultur zu entkräften, was an eine modifizierte Form des unter EthnologInnen verbreiteten "Bongo-Bongoismus" (Mary Douglas) denken läßt und problematisch ist, weil Einzelfälle unter Umständen nur eine sehr bedingte allgemeine Aussagekraft haben.



 Jenseits des Denkens in Oppositionen


Ronnie Peplow ist Philosoph und zur Zeit Post-Doc-Stipendiat im Graduiertenkolleg Interkulturelle Kommunikation an der Universität Saarbrücken.

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  Aber hier hat die Vielfalt durchaus Methode, denn das Konzept der Globalkultur, als einer im Entstehen begriffenen neuen Realität, versteht sich als eine Reaktion auf einen Universalismus, der die Fragmentierung der Moderne als eine Gefährdung der Menschheit ansieht. Das Paradox am Ende des Jahrhunderts lautet: »Die Welt wird sich zum einen immer ähnlicher, zum anderen immer unterschiedlicher.« (93) Jenseits des Denkens in Oppositionen bilden sich kulturelle Eigenheiten vor dem weltumspannenden Szenario der Einheitskultur aus.

10

  Mit dem Begriff des Referenzsystems insistieren Breidenbach und Zukrigl auf dem spielerischen und identitätsstiftenden Charakter von Kultur: Das animal symbolicum Mensch benötigt das System Kultur, um sich als Individuum artikulieren und seiner Identität Form geben zu können. Durch die Globalkultur werden die verschiedenen Subsysteme Teil eines umfassenden, gemeinsamen Referenzsystems, in dem sie sich aber nicht einheitlich präsentieren, sondern ihre »Unterschiede zunehmend auf eine einander ähnliche Weise«. (209)



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