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Oliver Kühschelm & Günther Mahr

Interkulturalität als Lernprozeß für Philosophierende

Zu Raúl Fornet-Betancourt: Lateinamerikanische Philosophie zwischen Inkulturation und Interkulturalität


 Öffnung zur geschichtlichen Wirklichkeit


Raúl Fornet-Betancourt:
Lateinamerikanische Philosophie zwischen Inkulturation und Interkulturalität.
Frankfurt/M.: IKO – Verlag für interkulturelle Kommunikation,
1997.
(Denktraditionen im Dialog: Studien zur Befreiung und Interkulturalität 1)
252 Seiten
ISBN 3-88939-352-7




IKO – Verlag für interkulturelle Kommunikation:
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  Raúl Fornet-Betancourt hebt mit der Diskussion jener zentralen Fragen an, auf die alle Debatten über lateinamerikanische Philosophie letztlich hinauslaufen: Gibt es eine lateinamerikanische Philosophie? Und wenn es sie gibt: Welchen Weg soll sie gehen? Eine Antwort auf die Frage muß lauten: Ja - in Lateinamerika hat sich ein spezifisches Denken herausgebildet, das in der abendländischen Philosophie Hilfsmittel sucht, um die drängenden Probleme des Kontinentes zu bewältigen. Die Übernahme von europäischen Konzepten wurde jedoch oft als Beweis dafür gehandelt, daß es der lateinamerikanischen Philosophie an Originalität mangele: Sie sei bloß ein müder Abklatsch dessen, was im geistigen Zentrum der Welt gedacht werde.

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  Hinter dieser Einschätzung steht indes ein problematisches Verständnis von Philosophie: Man sehe in ihr wesenhaft ein Streben nach Universalität, die als "kontextuell-kulturelle Unbestimmtheit" (31) begriffen wird. Durch Abstraktion gedenke man, ein Niveau zu erreichen, das eine überkulturelle und überzeitliche Gültigkeit der Aussagen erlaubt. Da aber die Überwindung der Kontingenz immer nur scheinbar gelinge, meint Raúl Fornet-Betancourt, daß die Philosophie sich offen zu der Prägung durch ihre jeweilige geschichtliche Situation bekennen solle.

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  Als Konsequenz daraus müsse sich das Verhältnis von Theorie und Praxis entscheidend ändern. Die abendländische Tradition habe das Schwergewicht darauf gelegt, ein absolutes Wissen zu erlangen. Erst wenn dieses Ziel erreicht sei, könne man in einem zweiten Schritt die Frage danach aufwerfen, wie sich die entdeckten Wahrheiten für das Leben verwerten ließen. Das Problem der Anwendung gehöre aber nur noch am Rande zu den Aufgaben des Philosophen.

4

  Fornet-Betancourt hält dieser Auffassung ein Konzept entgegen, wonach sich Philosophie gerade im Versuch konstituiert, "einen wirksamen Beitrag zur Lösung der von der Wirklichkeit gestellten Probleme" zu leisten. (14) Die Philosophie solle nicht als Primadonna unter den Wissenschaften den korrekten Zugang zur Realität diktieren, sondern sich der Wirklichkeit öffnen, "um von ihr den Gegenstand ihres Nachdenkens bestimmen zu lassen". (44) Erst eine solche Sichtweise erlaube die angemessene Beurteilung der lateinamerikanischen Philosophie.

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  Als akademische Institution habe sie sich relativ spät herausgebildet. Ihre Protagonisten seien oft Dichter und Politiker gewesen, die sich in erster Linie Einsichten erhofften, die sie in die gesellschaftliche Praxis ihrer Länder einbringen konnten. Man beabsichtigte nicht, Lösungen für alle denkbaren Probleme zu finden, sondern vordringlich für jene Lateinamerikas. Trotzdem rezipierte man interessiert die okzidentale Philosophie, denn man versuchte, europäische Konzepte für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Wer sich daher Originalität erwarte, werde von der lateinamerikanischen Philosophie - besonders von jener der vergangenen Jahrhunderte - enttäuscht sein. Ihre Leistungen würden erst sichtbar, wenn man sie im Lichte ihrer ethisch-politischen Ausrichtung betrachte und erkenn, wie ernst sie die Verpflichtung zum Engagement in der historischen Welt genommen habe.



 Gesellschaftsveränderndes Denken


"Dieses Unternehmen ist nur im Dialog mit anderen philosophischen Visionen durchführbar. Es muß eine lernende Haltung ausgehend von all diesen Visionen fundiert und kultiviert werden, eine offene philosophische Haltung, die bereit ist, von jeder philosophischen Ecke der Welt zu lernen, jedoch ohne zu intendieren, Philosophien durch ein neutrales Objektiv und von einem transzendenten und vorteilhaften Gesichtspunkt aus zu vergleichen."

Raimon Panikkar
(Sobre el diálogo intercultural, Salamanca 1990, 80)

6

  Das Verständnis von Philosophie, das sich in Lateinamerika im Verlaufe der Entwicklung herauskristallisiert hat, wird von Fornet-Betancourt expliziert und als Ansatzpunkt für interkulturelles Philosophieren nutzbar gemacht. Der eminent politische Charakter der lateinamerikanischen Philosophie sei wegweisend, weil sie ihre Zeit nicht im Nachziehverfahren auf den Begriff bringen wolle, sondern die Mitgestaltung der Zukunft anstrebe. Gleiches müsse auch für eine interkulturell orientierte Philosophie gelten. Denn die Anstrengungen, eine interkulturelle Verständigung auf den Weg zu bringen, erhielten dadurch ihre praktische Bedeutung, daß damit eine neue Qualität gesellschaftsverändernden Denkens ermöglicht werden könnte.

7

  Politische Philosophien wie der Marxismus hätten daran gekrankt, daß sie den Anderen gemäß der Kategorien ihres Systems interpretiert und ihm entsprechende Rollen im geschichtlichen Prozeß zugewiesen hätten. Eine der Lehren aus dem Scheitern vieler utopischer Entwürfe bestehe wohl darin, daß der Andere besser für sich selbst sprechen sollte.

8

  Zwar baut Fornet-Betancourt seine Vorschläge bezüglich einer interkulturellen Philosophie bewußt auf die lateinamerikanische Tradition des Denkens auf, deren Charakteristika im ersten Teil des Buches dargelegt werden. Doch er sieht auch die Notwendigkeit, über das bislang Erreichte hinauszugehen. In selbstkritischer Reflexion der eigenen philosophischen Biographie gelangt er zu radikalen Fragen: Genügt es, den okzidentalen Logos an regionale Bedürfnisse anzupassen, ihn zu "inkulturieren", wie es die lateinamerikanische Philosophie erfolgreich praktiziert hat? Handelt es sich bei dem mit großer Selbstverständlichkeit vorausgesetzten Begriff des Logos tatsächlich um eine bisher nur von der weißen Rasse erreichte Kulturstufe, die in die Kulturen der Nicht-Weißen verpflanzt werden soll, um sie zu entwickeln? Geht man also - trotz einer gleichzeitigen Anerkennung des kulturellen Reichtums der anderen Traditionen - davon aus, daß der weiße Logos überlegen sei? (Was sich jedenfalls an der Entwicklung der Technik zu zeigen scheint.) Oder aber nimmt man trotz der nicht zu leugnenden technischen Leistungen des Westens eine prinzipielle Gleichwertigkeit der Logoi an?



 Wende zur Interkulturalität


 

9

  Diese letzte Perspektive wird im zweiten Teil des Buches vertreten, der sich der Wende zur Interkulturalität widmet. Warum sollte man sich aber überhaupt für einen interkulturellen Dialog interessieren, zumal offenbar keine Kultur die definitiven Lösungen für die Probleme der Welt bereithält? Wozu also mit dem Anderen reden? Da wir miteinander leben müssen, können wir uns dem Austausch von verschiedenen Perspektiven auf die Welt nicht entziehen - es sei denn, wir halten die gewaltförmige Durchsetzung einer Kultur, de facto wohl der abendländischen, für befriedigend.

"Die interkulturelle Philosophie hebt sich von der Universalität ab, die der Okzident diktiert hat, da diese vom Okzident selbst ausgerufene Universalität im Grunde die Extrapolation und Expansion einer regionalen Kultur ist. Deshalb orientiert sich die interkulturelle Philosophie vielmehr an der regulativen Idee einer durch das Zusammentreffen historischer Universalitäten erlangten Universalität, die sich vielleicht als eine durch Solidarität wachsende Pluriversität konfigurieren wird."

Raúl Fornet-Betancourt (140)

10

  Das würde eine Fortsetzung jenes Weges einer illegitimen Anmaßung von Universalität bedeuten, der aus gutem Grund in das Schußfeld der philosophischen Kritik geraten ist. Fornet-Betancourt versteht hingegen Universalität als Solidarität der einzelnen Universi. Mit dieser Definition verwahrt er sich gegen Machtansprüche des europäischen Logos ebenso wie gegen ein Abrutschen in den Relativismus, der sich dem Anderen gegenüber indifferent gibt.

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  Wenn man die Ebenbürtigkeit der verschiedenen Logoi als Ausgangspunkt ernst nehme, müsse sich die Praxis des Philosophierens tiefgreifend ändern. Fornet-Betancourt gibt unter Bezugnahme auf das Beispiel Lateinamerikas konkrete Hinweise, wie man den Übergang zu einer interkulturellen Philosophie in Angriff nehmen könnte. Eine Voraussetzung sei die kritische Revision der eigenen philosophischen Tradition und die Dezentrierung von ihrer europäischen Achse. Es müsse gezeigt werden, daß die Philosophie nicht erst durch die Ankunft der Europäer importiert worden sei, sondern daß auch die indigenen und später die afroamerikanischen Kulturen seit jeher Orte der philosophischen Reflexion seien.

12

  Dieses Ziel verlange eine wesentliche Erweiterung der Quellenbasis, die sich bislang allzu oft auf Texte aus dem Bereich der akademischen Philosophie beschränkt habe. Das weite Spektrum der Poesie und Religion solle nun einbezogen werden. Die Grenzen der Schriftkultur dürften kein unübersteigbares Hindernis bilden, und auch nicht-professionelle Philosophen müßten als Gesprächspartner akzeptiert werden.

 

13

  Der Andere, der solcherart ins Blickfeld gerückt werde, dürfe jedoch nicht auf ein Studienobjekt reduziert werden, sondern er solle als gleichberechtigtes Subjekt an einem Dialog teilnehmen können. Auf diese Weise würde man über eine komparative Philosophie hinausgehen, welche die Denkformen des Anderen auf ihre Unterschiede zur westlichen Tradition abtaste und dementsprechend kategorisiere. Das Bewußtsein, daß nicht nur wir den Anderen interpretierten, sondern dieser genauso uns interpretiere und uns dadurch wertvolle Einsichten eröffnen könne, müsse sich im Stil eines Philosophierens mit interkulturellem Anspruch niederschlagen.



 Offene Fragen


"Zusammenfassend kann man sagen, daß aus philosophischer Perspektive das wirklich Essentielle und Entscheidende an der Aufgabe der Interdisziplinarität ist, sie als eine methodologisch-epistemologisch unvergleichliche Möglichkeit einzusetzen, um mit den anderen Wissenschaften dialogisch das Programm der menschlichen Vernunft im Sinne eines immer unvollendeten Konzerts oder einer unvollendeten Symphonie zu leben, auszuüben und zu denken, wobei niemand mit dem Hinweis konfrontiert wird, daß der Eintritt verboten wäre."

Raúl Fornet-Betancourt (187)

14

  Es bleibt zu fragen, wie tragfähig sich Fornet-Betancourts Forderung nach einem gleichrangigen Dialog in der Praxis erweist. Als philosophisches Konzept läßt es sich plausibel formulieren, doch seine Umsetzung würde Sicherheiten nehmen, die bislang nicht in Frage gestellt worden sind. Es erscheint zweifelhaft, ob ein solch radikaler Wandel in der Einstellung, wie ihn Fornet-Betancourt entwirft, ganz dem individuellen Bemühen überlassen bleiben kann. Zu groß sind die institutionellen und strukturellen Zwänge, die immer wieder neu ein Beschreiten der bekannten Pfade der Intoleranz und des Nichtverstehens begünstigen.

15

  Zwar ist sich Fornet-Betancourt dieser politischen Hindernisse für sein Programm der Interkulturalität zweifellos bewußt, auch wenn sie nicht explizites Thema seines Buches sind. Dennoch wäre zumindest ihre Erwähnung manchmal wertvoll, damit nicht der Eindruck eines auf kleine akademische Zirkel beschränkten Wunschdenkens entstehen kann.

16

  Der Aufruf zur Interdisziplinarität, die der Autor paradigmatisch in der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung verwirklicht sieht, ist selbstverständlich zu begrüßen. Es ist jedoch nicht zu leugnen, daß auch diese neue Art des Denkens auf härteste (und durchaus erfolgreiche) Widerstände trifft, wie etwa seitens der katholischen Amtskirche.

17

  In noch grundsätzlicherer Weise läßt sich ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem üblichen Philosophiebegriff und einer einseitig auf wirtschaftliche Effizienz ausgerichteten Haltung herstellen. Die Logik dieses kapitalistischen Denkens entwertet per se Traditionen, die in wirtschaftlichem Sinne nicht so erfolgreich sind und läßt eine gleichberechtigte Begegnung zwischen den Kulturen kaum zu. Grundsätzliches Umdenken, das nicht nur unsere üblichen Denkmuster, sondern auch den Rahmen des bestehenden politischen Systems sprengt, tut also Not, um der Interkulturalität eine echte Chance zu geben.

Oliver Kühschelm und Günther Mahr promovierten an der Universität Wien und sind Vorstandsmitglieder der Interdisziplinären Gesellschaft für lateinamerikanische Philosophie in Wien.

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  Insgesamt ein Buch, das als Programm verstanden werden muß, das in seinen besten Teilen begeistern kann: Es gibt einen Ausblick auf das, was möglich wäre. Ernst Bloch sagte über die Wissenschaft, daß es mehr zwischen Himmel und Erde gebe, als wovon diese sich träumen lasse. Auch die Philosophie würde gut daran tun, aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen zu ziehen. Fornet-Betancourt gibt hierfür nützliche Anregungen. Leider wird das Lesevergnügen an diesem Band, der sich aus bereits auf spanisch erschienenen Publikationen des Autors zusammensetzt, durch die mangelhafte Übersetzung etwas gemindert.



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