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literatur · kurzbesprechungen
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Albert Camus: Réflexions sur le terrorisme. Textes choisis et introduits par Jacqueline Lévi-Valensi, commentés par Antoine Garapon et Denis Salas. Paris: Nicolas Philippe, 2002. 264 Seiten ISBN 2-7488-0033-8 ![]() Editions Nicolas Philippe: Online-Bestellung: Die wesentlichen Texte der Sammlung, Die Pest, Die Gerechten und Der Mensch in der Revolte, sind auf Deutsch im Rowohlt-Verlag greifbar. |
Die Biographie von Albert Camus, 1913 als Pieds Noirs (weißer, im kolonialen, französischen Nordafrika lebender Franzose) in Algier geboren, Herausgeber der Résistance-Zeitschrift Combat und bis zu seinem Tod verhinderter Friedensstifter im Algerienkrieg der Franzosen, weist ihn als jemanden aus, der weiß wovon er spricht, wenn er vom Terrorismus redet. Er hätte wohl durchaus in den Zeiten der deutschen Besatzung Frankreichs als Terrorist von den Nazis hingerichtet werden können, gleichzeitig war er als Angehöriger der Pieds Noirs auch zumindest theoretisch ein Ziel der Front de la Liberation Nationale (FLN), die für die Unabhängigkeit Algeriens mit Terror kämpfte. Schon sehr früh hat sich seine spezifische Sichtweise gefestigt, dass der Zweck alleine unter keinen Umständen die Mittel heiligt. Oder wie Camus selbst in Mensch in der Revolte formuliert: Réflexions sur le terrorisme, so ist denn die kommentierte Sammlung von Texten und Auszügen aus dem Werk des 1960 verstorbenen Nobelpreisträgers benannt. Am klarsten ist seine Position zum Terrorismus in dem Theaterstück Die Gerechten ausgedrückt, in dem er die historischen Figuren der russischen Revolutionäre von 1905 Diskussionen führen lässt, die sich ganz ähnlich wohl zwischen Jean-Paul Sartre und ihm abgespielt haben müssen. Kaliajew hatte den Auftrag, einen Anschlag auf einen wichtigen Aristokraten auszuführen, doch als er die Kutsche in Begleitung zweier Kinder kommen sieht, verzichtet er auf das Attentat und muss diesen Verzicht vor seinen Mitstreitern rechtfertigen. Vor allem die Figur von Fjodorow nimmt deutlich die Züge Sartres an, wenn er davon spricht, dass der Tod dieser beiden dem Tod von Millionen anderer gegenübersteht. Das 1961, also nach dem Tod Camus', von Sartre verfasste Vorwort zu Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde kann wie eine Erwiderung auf die Réflexions sur le terrorisme gelesen werden. Die Kolonialisierten hätten nur Das Theaterstück Die Gerechten bildet den Kern der Réflexions sur le terrorisme, und es ist sehr aufschlussreich zu sehen, wie Camus in die Welt von Terrorismus und Konter-Terrorismus des Algerienkrieges seine moralischen Ansprüche hörbar machen will und trotz zahlreicher ähnlicher Situationen in der heutigen Zeit hoffnungslos antiquiert klingt. Nachdenken über den Terrorismus, das empfiehlt Camus beiden Parteien: den Terroristen über die Auswahl ihrer Ziele und die Möglichkeit tatsächlich legitimer Gewalt, den vom Terror betroffenen Staaten über die Gründe für die Gewaltbereitschaft. Es handelt sich um eine zeitlose Unzeitgemäßheit Camus', denn in Zeiten der Notwendigkeiten werden mahnende Stimmen schnell zu Verrätern und Handlangern des Terrorismus oder der Repression gemacht. Genau in diesem Unzeitgemäßen liegen sicher die Stärke der Textauswahl und das besondere Interesse, sich Camus' Sichtweisen wieder in Erinnerung zu rufen. Die brennenden Fragen, wie eine legitime Gewalt der Unterdrückten gedacht werden kann und welche moralischen Grenzen die Staatsgewalt in der Terrorbekämpfung nicht überschreiten darf, werden zumindest theoretisch beantwortet. Für Camus ist die Gewalt einerseits unvermeidbar, andererseits aber auch nicht zu rechtfertigen; daraus ergibt sich der besondere Status der Ausnahme, der alleine die Gewalt legitimieren kann, wobei diese Legitimation den Täter nicht von seiner moralischen Verantwortung entbindet. Dieser besondere Begriff der moralischen Verantwortung, in Verbindung mit der Möglichkeit, das gerade Richtige zu tun und sich dennoch, oder deshalb, schuldig zu machen, ist eine ernste Herausforderung für die heutige Moraltheorie. Die einzig allgemein gültige moralische Instanz muss für Camus der oder die Unschuldige sein, für die es sich dann auch zu kämpfen lohnt, allerdings nicht um den Preis anderer Unschuldiger. |
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