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Ulrich Lölke

Die Eidechse frißt nicht den Pfeffer,
damit der Frosch schwitzt

Zu Kwame Gyekye: African Cultural Values. An Introduction
und Tradition and Modernity. Philosophical Reflections on the African Experience




Kwame Gyekye:
African Cultural Values. An Introduction.
Philadelphia – Accra: Sankofa, 1996.
ISBN: 0-9650470-0-8


Sankofa Publishing Company
902 Valley Road, Suite 24 C
Elkins Park,
PA 19027-3252
USA



Kwame Gyekye:
Tradition and Modernity. Philosophical Reflections on the African Experience.
New York – Oxford: Oxford University Press, 1997.
368 Seiten
ISBN: 0-19-511226-1




Oxford University Press:
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1

  Kwame Gyekye ist Professor für Philosophie an der University of Ghana in Legon. Er ist als wichtige Stimme im philosophischen Diskurs in Afrika mit seinem Buch An Essay on African Philosophical Thought: The Akan Conceptual Scheme international bekannt geworden. Nach nunmehr fast zehnjähriger Publikationspause, sind in zwei Jahren drei Monographien von ihm erschienen: eine überarbeitete Neuauflage des oben erwähnten Essays bei Tempels University Press, ein Einführungsband zur Bedeutung von Sprichwörtern in den afrikanischen Kulturen, und schließlich, eigentlich bedeutend, eine Monographie mit dem Titel Tradition and Modernity. Philosophical Reflections on the African Experience.

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  Es ist gerade dieser letzte Titel, der Gyekyes philosophische Intentionen auf den Punkt zu bringen sucht. Als allgemeine Fragestellung scheint die philosophische Literatur in Afrika, und vielleicht vieler nicht-westlicher Gesellschaften, heute darauf abzuheben, ein Bewußtsein zu schaffen, für das eigenartige Zwischen moderner und traditionaler Einflüsse. Dabei ist es vielleicht nur Valentin Mudimbes einflußreiches Buch The Invention of Africa, das diese Frage des Zwischen explizit stellt. Ich denke allerdings, daß auch schon Kwame Gyekye (neben Henry Odera Oruka) diesen Zwischenraum in seinem Essay problematisiert hat, indem er die Stimmen jener weisen Männer und Frauen, die oft als 'traditionell' bezeichnet werden, zu repräsentieren half.

3

  Dabei geht es auch um eine Verortung von Philosophie selbst. Gyekye definiert Philosophie von zwei Richtungen her: zum einen von ihrem universalen Charakter her, den er auf den Umstand beschränkt, daß es kritische Individuen in allen Gesellschaften und Kulturen gibt, die »kritisch und tief über fundamentale Fragen menschlicher Erfahrungen reflektieren« (IX), und zum anderen, daraus folgend, die unabdingbare Kulturalität von Philosophie, also die Tatsache ihrer kulturellen Verflochtenheit. Das bedeutet, daß diese kritischen Individuen (Sages, PhilosophInnen) immer innerhalb eines bestimmten kulturellen Kontextes operieren.

4

  Dieses Konzept nun bewegt sich wiederum zwischen zwei Polen: einer Verantwortung gegenüber Traditionen und deren Herausforderung durch ein anti-traditionales Konzept der Moderne. Während Gyekye in seinem Essay noch den Raum für einen Begriff Afrikanische Philosophie einforderte, und dies mit seinem letzten Kapitel Towards an African philosophy unterstreicht, lassen sich seine nachfolgenden Texte als das Bemühen verstehen, diesen Raum auszufüllen.



 African Cultural Values. An Introduction

5

  Das Buch wurde von dem kleinen Verlag Sankofa Publishing Company in Ghana publiziert. Es handelt sich dabei nicht um einen dezidiert philosophischen Text, sondern um eine Einführung in kulturelle Wertesysteme für den "normalen" Leser. Dabei arbeitet Gyekye bei seinen Darstellungen hauptsächlich mit Sprichwörtern und Fabeln, die überwiegend aus Ghana (Akan und Ewe) und der Swahili-Sprache stammen. Einige Schwerpunkte sind: religiöse Werte, Humanität und Brüderlichkeit, individuelle und gemeinschaftliche Werte, Familie, ökonomische Werte, Chief-ship und Politik, Menschenrechte, die Rolle der Vorfahren und der Tradition.

6

  Die von Gyekye ausgewählten Sprichwörter differieren sehr in ihrer moralischen Komplexität. Während einige sich nicht von den überlieferten Sprichwörtern des europäischen Volksmundes unterscheiden (vgl. »There is no other thing you get out of laziness than poverty«, 103)), lassen andere vermuten, daß die Tradition ihrer Entstehung, des Gebrauches und der Überlieferung in afrikanischen Kulturen eine zentralere Rolle spielen, als es sich aus einer europäischen Perspektive vermuten läßt (vgl. »The wise person is spoken to in proverbs, not in words [or, speeches].«, 142; und »It is only the fool to whom a proverb is explained.«, 141).

»It is only the fool to whom a proverb is explained.«

Afrikanisches Sprichwort
(141)

7

  Leider wird dieser Aspekt von Gyekye selbst nicht ausreichend behandelt. Die spezifische Rolle von Sprichwörtern und ihr richtiger Gebrauch in Kommunikationsprozessen innerhalb kultureller Traditionen mit überwiegend mündlicher Überlieferung bleibt undeutlich. Positiv zu vermerken ist, daß es sich um den Versuch eines Philosophen handelt, seine Forschungen einem breiten Publikum allgemeinverständlich zur Verfügung zu stellen. Das scheint gerade für den Fortbestand philosophischer Fachbereiche an öffentlichen Hochschulen in Afrika ein wichtiger Ansatz zu sein. Kritisch anzumerken bleibt, daß die Sprichwörter nicht im Original, sondern nur in englischer Übersetzung präsentiert werden.



 Tradition and Modernity. Philosophical Reflections on the African
 Experience


»It would therefore be imperative for contemporary African philosophers to grapple at the conceptual level with the issues and problems of their times.«

Kwame Gyekye
(27)

8

  Das Buch läßt sich in drei Hauptteile unterteilen:

9

  1. Kwame Gyekye hat immer, und hierin liegt seine Stärke, die Frage nach dem Verständnis von Philosophie explizit gestellt (vgl. Gyekye 1988/1996). Dabei hat er versucht, deutlich zu machen, daß es einen grundsätzlichen Unterschied gibt zwischen der Frage, ob es eine Philosophie in Afrika gibt, und der Frage, was das Afrikanische einer Afrikanischen Philosophie sei. Offensichtlich ist diese Frage keine nur den afrikanischen Diskurs betreffende, sondern eine allgemein-philosophische Frage. Was Philosophie unter bestimmten historischen und kulturellen Bedingungen sei, ist in der Philosophie immer wieder gefragt worden und stellt sich als Frage immer wieder neu. Mit der Vergegenwärtigung der fundamentalen Fragen nach »Natur, Ziel, Methode und Relevanz« (3) der Philosophie, wird diese zu einer anpassungsfähigen und wandelbaren, d.h. diskursiven Größe, und nicht zu einer gegebenen Bedingung. Gyekye unterstreicht diesen letzten Punkt, wenn er schreibt: »It would therefore be ... imperative for contemporary African philosophers to grapple at the conceptual level ... with the issues and problems of their times.« (27)

10

  Es ist genau diese spezifische Erfahrung des einzelnen Philosophen und der einzelnen Philosophin, die unterschiedliche Perspektiven in unterschiedlichen Regionen dieser Erde hervorbringt. Gyekye spricht deshalb auch von »Philosophy and contemporary African experience«.

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  Undeutlich bleibt allerdings die Bedeutung des europäischen Modells von Philosophie in Gyekyes eigenem Philosophiebegriff. Zwar beharrt er auf einer »traditional African philosophy«, andererseits behauptet er: »the historical career of the philosophical enterprise ... is undoubtedly most amply manifested in the development of Western cultures«. (24)

12

  Dabei kommen meiner Meinung nach die spezifischen Strukturen afrikanischen Denkens und des Tradierens von Wissen zu kurz. Gyekye geht gleichsam davon aus, daß bestimmte Phänomene des westlichen Modells, so seine schriftliche Tradierung, Prämissen einer jeden Philosophie seien. Damit, behaupte ich, beschneidet er sich hinsichtlich der besonderen Möglichkeiten eines Diskurses afrikanischer Philosophie.

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  2. Einen Großteil des Buches füllt die Diskussion verschiedener Themen, die die sozialen und politischen Bedingungen der Entwicklung afrikanischer Gesellschaften betreffen. Neben schon bekannten Themen (Person and Community, Traditional Political Ideas) finden sich einige neue und wichtige wie eine Analyse der Begriffe "Nation" und "Nationalstaat" und deren besondere Problematik in Afrika, Sozialismus in Afrika, Legitimation von Macht oder Korruption.

»Letztlich wird das Buch von den Begriffen 'Tradition' und 'Moderne' geprägt. Und es gibt wohl kaum ein Begriffspaar das bestimmender, verwirrender, und weniger spezifisch gebraucht wird. Zudem gibt es wohl kaum eine Dichotomie mit stärkeren normativen Implikationen.«

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  Ausgesprochen originell ist die Diskussion der Begriffe "Nation" und "Nationenbildung". Vor dem Hintergrund der afrikanischen Erfahrungen einer künstlichen Schaffung von Staatsgebilden, in denen unterschiedliche Nationen, zum Teil auf unterschiedliche Territorien verteilt, dazu verdammt wurden, einen Prozeß der Staatenbildung zu vollziehen, und der Erfahrungen der Erfolge und der Mißerfolge dieser Prozesse beginnt Gyekye eine grundsätzliche Debatte. Dies sind Anfänge einer politischer Philosophie, die zur Zeit von PhilosophInnen in Afrika geführt wird und die in den kommenden Jahren noch größeren Einfluß gewinnen könnte.

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  3. Letztlich wird das Buch von den Begriffen "Tradition" und "Moderne" geprägt. Und es gibt wohl kaum ein Begriffspaar das bestimmender, verwirrender, und weniger spezifisch gebraucht wird. Zudem gibt es wohl kaum eine Dichotomie mit stärkeren normativen Implikationen. Gyekye versucht diesen zu entgehen, indem er beide Begriffe von ihren historischen Dimensionen trennt und sie allein als Termini technici gebraucht. "Tradition", so Gyekye, sei ein kulturwissenschaftlicher Ausdruck, der über einen bestimmten Zeitraum tradierte kulturelle Werte zusammenfaßt. Hierbei spiele die Konstanz dieser Werte und die Zeitdauer eine zentrale Rolle. "Moderne", so Gyekye, sei ein Terminus der Selbstbeschreibung, mit dessen Hilfe Kulturen und Zivilisationen seit Menschengedenken bemüht waren, ihrer Gegenwärtigkeit Ausdruck zu verleihen (vgl. 268f). Beide Begriffe hätten, richtig verstanden, keine Wertimplikationen, sondern verwiesen auf generelle historische und soziale Prozesse, die sich in dieser Form in allen Gesellschaften wiederfinden ließen.

Ulrich Lölke
lehrt Ethik an der Universität Hamburg und Kulturtheorie an der Universität Lüneburg.

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  Kwame Gyekye, der heute als wichtigster Vertreter einer analytischen Philosophie auf dem afrikanischen Kontinent gilt, hat mit diesem Buch eine Fülle von Material vorgelegt, das zu sichten und aufzuarbeiten erst nach und nach möglich sein wird. Auch wenn Dieter Senghaas das Buch schon als "grundlegend" bezeichnet, ist seine Bedeutung für den Diskurs in Afrika noch nicht abzuschätzen. Seine zentralen Themen werden sich weitertragen. Insbesondere eine Forcierung der Auseinandersetzung mit den normativen Implikationen der Begriffe "Moderne" und "Tradition" wäre wünschenswert. Hier gibt es Anknüpfungspunkte zum europäischen Diskurs, der selbst bislang keinen nennenswerten Ansatz zum Verständnis von Traditionen liefern konnte. Zwar bleibt das epistemologische Dilemma einer afrikanischen Philosophie bei Gyekye weitestgehend ausgegrenzt, aber insofern Philosophie in Afrika eine deutliche praxis-philosophische Dimension hat, wird sich dieses Buch als ein Meilenstein auf dem Weg zu einem Diskurs in Afrika erweisen, der sich bereits weit von seinen europäischen Arthrosen entfernt hat.



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